Die Behauptung, daß "nach dem Krieg vor allem Heisenberg . . .

den Eindruck vermittelte, die deutschen Physiker hätten aus moralischen Skrupeln den Bau der deutschen Atombombe quasi sabotiert", ist nachweislich falsch. Die zitierten Forschungen Mark Walkers können diesen Vorwurf keineswegs belegen. Überhaupt sind solche Aussagen unter Fachhistorikern sehr umstritten - siehe dazu die Diskussionen über Thomas Powers' Buch "Heisenbergs Krieg" (Hamburg 1993), welches nicht das wissenschaftshistorisch unzuverlässige Machwerk ist, das viele Kritiker in ihm sehen (obwohl es die Fragestellung überzieht).

Dagegen gibt es viele, auch einem weiten Publikum zugängliche Quellen, die einen ehrlichen Umgang gerade Heisenbergs mit der historischen Wahrheit belegen. (Ich verweise nur auf die entsprechenden Passagen in den Farm-Hall-Gesprächen, die man allerdings sorgfältig lesen muß.)

Die historische Bewertung der Arbeiten der Wissenschaftler im deutschen Uranprojekt des Zweiten Weltkrieges kann nicht so leichtsinnig wie von Zank vorgenommen werden. Man muß die wissenschaftlich-technischen ebenso wie die politischen Zeithintergründe präzise und sachkundig berücksichtigen, ehe man zu begründeten Folgerungen gelangt. Es gibt dazu durchaus zugängliche Dokumente, etwa die dreihundert Geheimberichte, dazu die Nachlässe der beteiligten Atomforscher von Erich Bagge bis Karl Wirtz. In den genannten dreihundert Geheimberichten, die ich studiert habe, gibt es jedenfalls nur einen, übrigens recht dünnen aus der militärischen Frühzeit des Uranprojektes, dessen Autor P. O. Müller einen schwachen Vorschlag machte. Er war physikalisch unbrauchbar und technisch unmöglich, verlangte er doch den Einsatz von Tonnen von Uran 235, während man in Deutschland bis Kriegsende nur über Mikrogramm dieses Stoffes verfügte. Man darf daher eindeutig festhalten, daß im gesamten deutschen Uranprojekt weder theoretisch noch praktisch an Atomwaffen gearbeitet wurde.

Dagegen erwähnen die Berichte Heisenbergs (vom Dezember 1939) und von Weizsäckers (vom Juli 1940 über spaltbare Transurane) die Möglichkeit eines Sprengstoffes nur pauschal, ohne Vorschläge zu ihrer Herstellung zu machen. Das deutsche Uranprojekt betrieb weder die Isotopentrennung des Urans (um U 235 herzustellen, wie das Manhattan-Projekt), noch gibt es in ihm Entwürfe für eine Uranmaschine, die Plutonium produziert.

Dr. Helmut Rechenberg (Max-Planck-Institut für Physik), München