Carl Haenlein, der langjährige Direktor der Kestner-Gesellschaft, ist ein Glückspilz, und wir gratulieren ihm zu seinen neuen Räumen im Goseriedebad in Hannover. Sie sind nur wenige Fußgängerminuten vom Hauptbahnhof entfernt, gleich daneben steht der expressionistische Backsteinbau von Fritz Höger, vor der Haustür wird vielleicht eine vom englischen Stardesigner Jasper Morrison entworfene Straßenbahn halten, gleich nebenan hausen Journalisten von Zeitung und Fernsehen.

Die aber werden sofort die Kunde von seinem Tun über den Äther schicken.

Fünf Jahre dauerten Planung und Umbau des ehemaligen Schwimmbades, elf Millionen Mark hat es gekostet (fünf Millionen weniger als die Mega-Picture-Show von Joachimides/Rosenthal in Berlin), und über zweieinhalbtausend Gäste feierten mit Direktor, Ministerpräsident und Künstlerin die Eröffnung.

Viele gute Erinnerungen hängen noch an dem alten Sitz der Kestner-Gesellschaft in der Warmbüchenstraße. Das Drei-, Vier-Stufen-Auf-und-Ab in der Raumfolge hatte sich unseren Füßen fest eingeprägt, die Ausstellungstaten des großartigen Ausstellungsregisseurs Haenlein den Augen. Wehmut, natürlich, aber nur kurz. Carl Haenlein tat recht daran, daß er Waschbetonplatten gegen Architekten-Stahl und Schichtholz tauschte.

Der Zeitgeist ist mit ihm. Und auch die schon bald ein Jahrhundert andauernde Geschichte der Kestner-Gesellschaft in Hannover.

Königstraße 8 hieß ihre erste Adresse, nachdem avantgardefrohe Bürger sie 1916 aus Protest gegen den damals reaktionären Kunstverein gegründet hatten. Das Haus mit der eleganten klassizistischen Fassade gehörte zu den guten Adressen, "die von den Wohlhabenden nach dem Kriege von 1870/71 bezogen" wurden, erinnerte sich ein Kestner-Gesellschafts-Mitglied aus alten Tagen in der Denkschrift 1966. Ein Souterrain, zwei Etagen, Mansarden im Dach und ein Tor als Einfahrt für Kutschen und andere Fahrzeuge. Wer in der Königstraße promenierte, "mochte sich gehoben fühlen". Vor diesem gehobenen Hintergrund gab es Ausstellungen von Max Liebermann, Erich Heckel, El Lissitzky oder dem Bauhaus Dessau zu sehen. Bis 1936, dann ging der Verein unbeugsamer Bürger lieber in den Untergrund, als daß er sich von seinem jüdischen Direktor Justus Bier distanzierte.

Im Oktober 1948 war er wieder da und zeigte Bilder von Emil Nolde in einem aus Kriegstrümmern neu errichteten Domizil in der Warmbüchenstraße.