Plötzlich haben alle das Unerwartete erwartet. Rußland ist zwar nach wie vor nicht bereit, die Öffnung der Nato nach Osten abzusegnen.

Doch Boris Jelzin will die Zusammenarbeit seines Landes mit der Nato institutionalisieren. Am Dienstag der nächsten Woche wird er im Pariser Elysée-Palast, zusammen mit den sechzehn Staats- und Regierungschefs des westlichen Bündnisses, die "Gründungsakte über gegenseitige Beziehungen, Zusammenarbeit und Sicherheit zwischen der Nato und der Russischen Föderation" feierlich unterzeichnen.

Dies ist ein Meilenstein auf dem Weg zum neuen Europa. Und wahr- scheinlich ist es auch ein Riesenschritt Rußlands nach Westen.

Vor einem Jahr wäre beides undenkbar, vor wenigen Monaten noch unwahrscheinlich gewesen. Die Nato hatte sich mit wachsender Eindeutigkeit darauf festgelegt, im Juli die ersten osteuropäischen Demokratien zu Beitrittsverhandlungen einzuladen. Zu wenig aber war in der Vorbereitung die schlichte Erkenntnis beachtet worden, daß zur künftigen Stabilität des Kontinents die Öffnung von Nato und EU für Mittel- und Osteuropa nicht ausreicht. Vielmehr muß auch Rußland einen angemessenen Platz im neuen europäischen Gefüge von Sicherheit und Wohlstand erhalten. Viel zu langsam dämmerte den westlichen Regierungen, daß den Russen die unermüdlich vorgetragene Beteuerung, die Öffnung der Nato sei nicht gegen sie gerichtet, nicht ausreichen würde.

Prompt stellte die russische Führung sich schwerhörig. Der Präsidentenwahlkampf 1996, die lange Zeit der Führungslosigkeit während Jelzins Krankheit hatten die Nato-Erweiterungspläne in der russischen Debatte zu einer unerträglichen Demütigung Rußlands aufschäumen lassen. Die kleine, aber wortmächtige außenpolitische Elite des großen Landes schien von Nationalisten, Kommunisten bis Demokraten geeint: Bitter und trotzig lehnten sie die erste, vor allem aber jede weitere Beitrittswelle zur Nato ab und wiesen sämtliche Versuche zurück, das Verhältnis zwischen dem westlichen Bündnis und Rußland auf eine kooperative Grundlage zu stellen. Noch im Februar dieses Jahres drohte Premierminister Tschernomyrdin auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos westlichen Gesprächspartnern, das Volk Rußlands werde notfalls jahrelang darben, um der Großmacht den ihr gebührenden Respekt wiederzuverschaffen.

Nun also liegt die Gründungsakte für die Zusammenarbeit unterschriftsreif vor - für die Kooperation zwischen einer Nato, die nicht mehr die alte Abschreckungsgemeinschaft, und einem Rußland, das nicht mehr die Sowjetunion ist. Auf den ersten Blick ist es ein bescheidenes Dokument, nicht völkerrechtlich, sondern lediglich politisch bindend: Ein "Ständiger Gemeinsamer Rat" der Außen- und Verteidigungsminister Rußlands und der Allianz wird mindestens zweimal jährlich tagen und mindestens einmal monatlich auf Botschafterebene zusammentreffen.

Hier wird man sich informieren und konsultieren hier können, wenn möglich, auch gemeinsame Aktionen, Beispiel Bosnien, beschlossen werden. Im übrigen soll die militärische und politische Zusammenarbeit auf vielfältige Weise ausgeweitet werden.