Kaum eine Stelle in Rom erinnert weniger an mittelalterliche Askese als die Via di Ripetta. Mit ihren eleganten Restaurants und mondänen Läden ist die Straße ein Sinnbild für den Aufstieg all derer, denen die Renaissancegöttin Fortuna lacht. Karl Lamers freilich, der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Bonner CDU/CSU, war ihren Verlockungen abhold, als er hier dieser Tage auf einer Versammlung sprach, zu der die postkommunistische PDS gebeten hatte. Fürwahr, der Koautor des Schäuble-Lamers-Papiers über ein Europa der ungleichen Partner verhielt sich so, als führe der Weg nach Maastricht durch Canossa: Sein Auftritt bei der Diskussion über die Zukunft Europas glich dem eines Büßers.

Deutschland, versicherte Lamers den Anwesenden, darunter Minister aus Romano Prodis Kabinett, bewundere Italiens Bemühungen zur Modernisierung von Staat und Wirtschaft. Er bedaure nur, daß die deutsche Öffentlichkeit zu wenig über die Erfolge wisse. Er und seine Kollegen bemühten sich sehr, sie bekanntzumachen.

Die Führer der PDS überschlugen sich daraufhin fast vor Dankbarkeit.

Schließlich hatte Lamers sich auf diese etwas umwundene Weise für die systematische deutsche Herabwürdigung der italienischen Euro-Fähigkeit entschuldigt. Und Massimo d'Alema, der PDS-Chef, pries das deutsche Konsensmodell als nachahmenswert für Italien.

Das Ereignis in der Via di Ripetta war ein Beispiel für die enormen Fortschritte der europäischen Einigung unter dem Motto: Politiker aller Länder, vereinigt euch, ihr habt nichts zu verlieren außer eurem Gesicht! Die Fähigkeit der CDU, zwischen Postkommunisten in Marzahn und Modena zu unterscheiden, ist natürlich bemerkenswert.

Nicht weniger bemerkenswert war aber auch d'Alemas Performance.

Er nützte die Gelegenheit, zur Reform des italienischen Rentensystems aufzurufen, und bekräftigte, daß die PDS den Kapitalismus verwalten und nicht überwinden möchte. Da die einst allmächtige Democrazia Cristiana verschwunden ist, suchen Italiens Postkommunisten nach dem guten alten historischen Kompromiß in einer wahrlich einzigartigen ultramontanen Beziehung - mit der CDU/CSU. Immerhin sind die deutschen Christdemokraten in ihrer geistigen Entwicklung den Postkommunisten strukturell ähnlich: Sie sind überwiegend, alles in allem, Postchristen.