Zwei Dinge müssen zusammentreffen bei Autoren, die man als Repräsentanten einer ,nationalen Literatur` betrachtet: starke lokale Färbung, verbunden mit einer Art unbewußter Universalität, die nur möglich ist, wenn jemand genau kennt, was er beschreibt", äußerte T. S.

Eliot 1953 und meinte dabei so unterschiedliche Schriftsteller wie Poe, Whitman oder Mark Twain. Er hätte damit auch den Türken Yaçar Kemal charakterisieren können, dem in diesem Jahr der Friedensnobelpreis des deutschen Buchhandels verliehen wird.

Der 1922 in einem winzigen Dorf im rückständig-wilden Südosten Anatoliens geborene Romancier repräsentiert wie kein zweiter Autor die türkische Nationalliteratur und deren Platz in der Weltliteratur.

Kemals größter erzählerischer Erfolg liegt schon über vierzig Jahre zurück: Sein erster, 1955 erschienener Roman "Ince Mened" (deutsch 1960: "Mehnet, mein Falke") wurde binnen kurzem zum Welterfolg: Die Saga vom türkischen Robin Hood, der anatolischen Variante vom Edlen Räuber, "der den Armen gibt und den Reichen nimmt", wurde in mehr als dreißig Sprachen übersetzt und erlebte unzählige Auflagen in der Türkei. Der kurdischstämmige Autor, dessen Literatursprache stets das Türkische war (das in der Türkei verbotene Kurdisch besitzt dort nicht einmal ein verbindliches Alphabet), hat Ungewöhnliches vermocht: Er hat Anatolien, der vergessenen, scheinbar sprachlosen Provinz, zu einem unverwechselbaren Ausdruck verholfen. Indes wird er in Frankfurt nicht nur für sein Erzählwerk ausgezeichnet werden.

Denn wie er sich in seiner Epik den Outlaws der modernen türkischen Gesellschaft widmete, den Nomaden, landlosen Bauern und Banditen in seiner südostanatolischen Heimat, wo noch heute die Gesetze der Agas, der Großgrundbesitzer, gelten, so verfuhr er auch im Leben. Sein gesellschaftskritisches Engagement und die Mitgliedschaft in der marxistischen Arbeiterpartei der Türkei brachten ihm endlose Prozesse und Gefängnisstrafen ein, wie vielen weniger bekannten Kollegen auch (noch heute sitzen Dutzende türkischer Schriftsteller und Journalisten in Haft).

Zuletzt klagte man ihn 1995 für einen Spiegel-Essay an, in dem der Autor (der niemals einem "kurdischen Separatismus" das Wort geredet hatte) die mißachteten Menschenrechte und die brutale Minderheitenpolitik in seiner Heimat anprangerte: Man führe dort "den niederträchtigsten Krieg, der sich denken läßt". Ministerpräsidentin Tansu çiller nannte ihn damals einen Strolch, und die Ultranationalisten riefen nach der Todesstrafe. Doch kam der - mittlerweile prominente - Autor mit einer zwanzigmonatigen Haftstrafe auf Bewährung davon: wegen "Separatismus und Rassismus" (!).

Yaçar Kemal hat sich nicht mundtot machen lassen, auch nicht angesichts der säuerlichen Reaktion des türkischen Außenministers auf seine Ehrung: Man begrüße die Preisverleihung, hieß es dort, freilich verbunden mit der Hoffnung, Kemal werde sein Talent künftig nicht mehr mit Polemik gegen die Türkei vergeuden.