BONN. - Die soeben veröffentlichte Shell-Studie hat das gestörte Verhältnis zwischen Jugend und Politik wieder einmal bestätigt.

Neu ist, daß die Jugendforscher den Spieß nun umdrehen. Nicht die Jugend ist politikverdrossen, sondern die Politik "jugendverdrossen", lautet die Botschaft. Die Politik gehe nicht genug auf die Jugendlichen zu. Dabei seien die jungen Menschen durchaus bereit, sich zu engagieren, auch wenn sie Sportvereine und lokale Umweltschutzgruppen ("Es muß Spaß machen") den großen Parteiorganisationen vorziehen.

Bei ihrer Untersuchung scheinen die Forscher den jungen Leuten kräftig auf den Leim gegangen zu sein. Wenn sich nur drei Prozent der Befragten in irgendeiner Form politisch engagieren, dann sind doch nicht Politik und Parteien, sondern die Jugendlichen selber das Problem. Nie waren die Angebote zum Mitmachen so groß: Jugendparteitage, Jugendparlamente, Jugendbeauftragte, Jugendbeiräte, und mancherorts nun auch das kommunale Wahlrecht ab sechzehn Jahre. Doch trotz dieser wachsenden Beteiligungsmöglichkeiten zeigen die Jugendlichen der Politik die kalte Schulter. Die professionellen Jugendforscher helfen hier offenbar gerne nach, die alten Vorurteile neu zu begründen.

Auf pauschale Fragen ("Vertraust du den Parteien?") erhalten sie ebensolche Antworten: Natürlich nicht, und ebensowenig "den Politikern", denn die sind "unglaubwürdig, langweilig, korrupt und vom Alltagsleben Schaltjahre entfernt".

Kein vernünftiger Mensch ließe eine derartige Geringschätzung auf sich sitzen. Doch die erniedrigten Abgeordneten und Parteienvertreter verfallen augenblicklich in Kaninchenstarre, wenn die Beleidigungen des Volkes über ihnen niedergehen. Unstrittig ist: Vor allem die Parteien müssen sich und die Politik insgesamt wieder interessanter machen, auch für junge Leute. Die verrauchte Bierseligkeit des durchschnittlichen Ortsvereins entspricht jedenfalls nicht dem Lebensgefühl eines Zwanzigjährigen. Der kennt Marx und Erhard nur noch vom Hörensagen und hat mit großer Wahrscheinlichkeit noch nie ein Parteiprogramm gesehen.

Die Jugendforscher haben ein eigenartiges Politikverständnis, wenn sie meinen, die Jugendlichen seien nicht unpolitischer geworden, weil sie nun andere Formen des Engagements vorziehen. "Boykottiert Shell" mit Greenpeace statt "Rettet die Renten" mit Kohl: Diese Form des Engagements mag einen hohen Fun-Faktor haben, am Wesen der Politik geht sie indes völlig vorbei.

Weil der demokratische Prozeß - zum Glück - auf andere Qualitäten angelegt ist als die Zerstreuungsgewohnheiten der Jugendlichen, werden alle gutgemeinten Bemühungen um eine jugendgerechtere Politik ins Leere laufen. In eine Partei eintreten, die eigene Idee aufschreiben, begründen und dann für eine Mehrheit werben, das finden die meisten Jugendlichen zu anstrengend. Die eigentliche Politik, den mühseligen Ausgleich unterschiedlicher Interessen und Forderungen, überlassen sie gerne anderen. Die gängige Begründung für ein solches Verhalten haben sie von ihren Eltern gelernt: die angebliche "Ohnmacht gegenüber dem System", die zur politischen Teilnahmslosigkeit verurteilt.