Also sprach der mächtigste Mann der Welt über den mächtigsten Mann Afrikas: "Dies ist eine Stimme des wachen Verstandes und des guten Willens." Ronald Reagan, der amerikanische Präsident, stand neben Mobutu Sese Seko, dem zairischen Präsidenten. Die Leopardenfellmütze des Staatsgastes bildete einen malerischen Kontrast zum Gemäuer des Weißen Hauses. Zwei Führer des Westens, vereint gegen die rote Gefahr. Es war die Sternstunde des Despoten vom Kongo.

Nur ein Machtsymbol hat die glorreichen Zeiten überdauert: die Leopoardenfellmütze. Der zairische Sonnenkönig ist aus seinem Palast in Gbadolite, seinem "Versailles im Urwald", geflohen.

Anfang der Woche irrte er im Privatjet irgendwo zwischen Afrika und Europa herum. Er kann sich kaum noch aufrecht halten, Krebsmetastasen zerfressen seine Knochen. Schweizer Behörden haben seine Villa in Savigny konfisziert. Wohin nur soll er sich wenden? Mobutus Soldaten werfen die Waffen weg. Sein Volk feiert die Rebellen als Befreier. Zaire, seinen Staat, gibt es nicht mehr er wurde umgetauft in "Demokratische Republik Kongo". Der neue starke Mann heißt Laurent-Désiré Kabila. Und während der heimatlose, todkranke Exdiktator noch ein Exil sucht, steht das Regime des Erzfeindes vor der internationalen Anerkennung. Schmählicher könnte das Ende des Mobutu Sese Seko nicht sein.

Der Sturz des Despoten ist nach dem Ende der Apartheid im Jahre 1994 das zweite Schlüsselereignis in der postkolonialen Geschichte Afrikas. Für das ehemalige Zaire, für Zentralafrika und womöglich für den ganzen Kontinent markiert er eine historische Wegscheide: Wird die Vision des südafrikanischen Vizepräsidenten Thabo Mbeki von einer "afrikanischen Renaissance" Wirklichkeit? Oder behalten die ewigen Afro-Pessimisten recht, die noch schlimmere Kriege, größeres Elend und wilderes Chaos prophezeien?

Niemand weiß, wohin die Reise geht. So viel steht fest: Den Kurs der ersten Etappe bestimmen Kabila und seine sechs Kommissare, die Führungsriege der Aufständischen. Wenn es den neuen Machthabern gelingt, die Einheit des fragilen Vielvölkerstaates zu bewahren und seine natürlichen Reichtümer gerecht zu verteilen, könnte der Kongo nach Südafrika und Uganda zur dritten Triebkraft der kontinentalen Erneuerung werden. Bricht Mobutus marodes Exreich aber endgültig zusammen, dann drohen jahrzehntelange Folgekonflikte.

Sie könnten Afrika so erschüttern, wie einst der Dreißigjährige Krieg Europa verwüstete.

Die Mehrheit der rund vierzig Millionen Zairer war noch nicht geboren, als Mobutu die Macht an sich riß - zwei Drittel der Bevölkerung sind unter zwanzig. Der Potentat hat das Land 32 Jahre lang mit eiserner Faust regiert und hemmungslos ausgeraubt. Sein Aufstieg und Fall ist auch ein Lehrstück über die Komplizenschaft des Westens mit einem politischen Gangster.

Es begann mit den Machenschaften der CIA, die mit Mobutus Staatsstreich am 24. November 1965 erfolgreich vollendet wurden. Es gipfelte in den finanzpolitischen Winkelzügen von Weltbank und Internationalem Währungsfonds, die dem bankrotten Diktator immer wieder Milliardenkredite zuschusterten. Zwischenzeitlich sah man Mobutu und Queen Elisabeth in einer Kutsche durch London gleiten. In Washington dinierte er mit Reagan, beim Gipfel der frankophonen Staaten in Biarritz saß er neben Mitterrand in der ersten Reihe. Auch regionale Weltpolitiker wie Lothar Späth ließen sich gerne vom Abglanz des Meisters bescheinen.

Und die Nebenaußenpolitiker in München schickten sogar Polizeiexperten nach Kinshasa, um die Garde Civile, eine von Mobutus paramilitärischen Schutztruppen, auf Vordermann zu bringen.

Schließlich galt es, das Vorrücken der sowjetischen Weltherrschaft zwischen Kapstadt und Kairo abzuwehren. Wenn Moskau wieder einmal einen kommunistischen Satrapen installiert hatte, mußte ihm eine rechtgläubige Figur entgegengestellt werden, und vice versa. Sodann durften die Marionetten Stellvertreterkriege ausfechten: in Angola, Mosambik oder Äthiopien. Mobutu, der wichtigste Offizier auf dem Schachbrett der Kalten Krieger in Afrika, regierte das Bollwerk Zaire. Der Kamerad in Kinshasa war gewissermaßen ein Geschöpf des Westens. Wen kümmerte es, daß er die Zairer schikanierte?

Daß das Volk in Not und Elend lebte, während der Präsident die Ressourcen des Landes - Kupfer, Kobalt, Diamanten, Erdöl - plünderte und zu einem der reichsten Privatmänner der Welt aufstieg? Mobutus Politik der authenticité, ein Feldzug mit antiwestlichen Obertönen für die wahren Traditionen und Werte Afrikas, war kein Problem, solange er einer prowestlichen Ideologie verpflichtet blieb.

Peau noire, masque blanc - Mobutu trug eine weiße Maske auf der schwarzen Haut.