Anfang des Jahres schickte ihm sein dreizehnjähriger Sohn aus geschiedener Ehe eine Kassette mit dem Lied "Ich find' dich Scheiße" von Tic Tac Toe. Ob sich die Zeile eher auf seinen Beruf bezog oder darauf, daß er wegen eines Kuba-Urlaubs im Dezember vergessen hatte, Weihnachtsgeschenke zu schicken, war nicht ganz klar. Vielleicht war es auch die Rache des Sohnes, der sich vom Vater vernachlässigt fühlte, weil der "wegen des ganzen Politkrams" keine Zeit mehr für ihn hatte. Jedenfalls fuhren sie im Februar zusammen Ski und redeten zum ersten Mal über die Tätigkeit des Vaters. Der Sohn hatte im Radio von dem Fall eines vergewaltigten Mädchens gehört, und er findet jetzt, sagt Friedrich Andreas Stapf, "in Ordnung, was ich mache".

Erklären mußte sich der 51jährige schon oft. Unter den Ärzten in Deutschland, die Abtreibungen vornehmen, ist Stapf einer der wenigen, die öffentlich über ihre Tätigkeit sprechen. In diesem Erklären scheint er sogar eine gewisse Passion zu finden. Und wirkt in seinen langen, oft atemlos dahinjagenden Sätzen nicht wie einer, der ungerührt sein Handwerk verrichtet, sondern eher wie einer, der um alles in der Welt einen solchen Eindruck vermeiden will.

Am kommenden Dienstag wird er sich zusammen mit seinem Freund und Kollegen Andreas Freudemann vor dem Zweiten Senat des Bundesverfassungsgerichts erklären: Die Karlsruher Richter werden dann über den Antrag auf Einstweilige Anordnung beraten, mit dem die Ärzte erreichen wollen, daß sie bis zur Entscheidung über ihre Verfassungsklage weiter praktizieren dürfen. Gemeinsam mit vier weiteren Ärzten aus Bayern haben Stapf und Freudemann gegen die Sonderregelung des Freistaats geklagt, wonach Ärzte hier vom 1. Juli an nur noch maximal 25 Prozent ihrer Einnahmen mit Schwangerschaftsabbrüchen erzielen dürfen.

Bayern hat dazu als einziges Bundesland ein Privileg eingeführt, das nur Frauenärzten erlaubt, Schwangerschaftsabbrüche vorzunehmen.

Friedrich Stapf, der nicht Facharzt ist, dürfte damit nach dem 30. Juni hier nicht mehr praktizieren. Doch selbst mit Facharzttitel müßte er wegen der 25-Prozent-Regelung wie auch Kollege Freudemann und die anderen Kläger seine Abtreibungspraxis schließen. Stapf fürchtet, daß einige der Richter, vor denen er sprechen wird, sich nicht vorstellen können, "daß man so was als Lebensaufgabe und nicht nur aus finanziellen Gründen macht".

Sein Berufsleben ist mit der jüngeren Geschichte des Paragraphen 218 eng verknüpft. Schon 1968, als 22jähriger Medizinstudent, beschloß Friedrich Andreas Stapf, Sohn eines Brockhaus-Verlagsleiters, sich auf Abtreibungen zu spezialisieren. Er wollte es besser machen als die vielen Pfuscher, von denen er hörte. Illegale Abtreibungen waren bis zur Liberalisierung des Paragraphen 218 gang und gäbe.

Als Assistenzarzt in der Wiesbadener Frauenklinik sah er die Folgen: Unfruchtbarkeit, Entzündungen, Todesfälle. Aus dieser Erfahrung entwickelte er ein professionelles Kämpfertum, wie er es bei jungen Ärzten heute oft vermißt: "Die können sich gar nicht mehr vorstellen, wie es damals zuging."