Englisch klingt es besser: "Europe must work" lautet doppeldeutig der Slogan, mit dem Europas Gewerkschaften am 28. Mai ihre über fünfzig Millionen Mitglieder auf die Straße rufen. Soll heißen: Besser funktionieren muß Europa - und: Arbeiten muß der Kontinent! Auf daß möglichst viele der derzeit achtzehn Millionen Bürger der Europäischen Union, die heute vergeblich nach einem Arbeitsplatz suchen, bald wieder etwas zu schaffen haben. Die Deutschen tun sich da schwerer. Ihr Aktionstag gegen die soziale Krise der EU versteht keinen Spaß, duldet keine Rockkonzerte oder bunte Massendemonstrationen wie etwa in Holland, Spanien oder Finnland. Hier findet der Protest im Konferenzsaal statt. Bleiern wählte der DGB sein Motto: "Europa braucht Arbeit". Basta.

Also, an die Arbeit, Europa! Nur wie? Maastricht, das Reizwort Europas, scheint den Völkern ja gerade das Gegenteil einzubleuen: Sparen, kürzen, entlassen. Mehr und mehr deutsche Gewerkschafter mißverstehen den Euro als gefährlichen Jobkiller - als wäre der Strukturwandel nicht ohnehin überfällig. Nur mit Mühe gelingt es IG Metall und IG Chemie, den DGB auf (proeuropäischem) Kurs zu halten.

Die Gewerkschaften haben, taktisch wie strategisch, gar keine andere Wahl als den weiteren Kurs in Richtung Europa. Kurzfristig würde ein Scheitern der Währungsunion den Kurs der D-Mark in die Höhe treiben und Zehntausende exportabhängiger Arbeitsplätze vernichten. Und auf lange Sicht wird es nur mit Brüsseler Hilfe gelingen, die jungen Demokratien in Osteuropa für die soziale Marktwirtschaft zu gewinnen. Ohne EU-Erweiterung droht dort ein Wild-Ost-Kapitalismus, der das im Westen Europas vielbeschworene Sozialmodell untergraben könnte.

Genau über dessen Zukunft aber tobt in Brüssel gerade ein Streit: In drei Wochen wollen die fünfzehn Staats- und Regierungschefs auf ihrem EU-Gipfel in Amsterdam eine Reform des Maastricht-Vertrages beschließen - und aus fast allen Hauptstädten erschallt die Forderung, Europa dabei deutlicher als bisher auf den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit zu verpflichten.

Der Wunsch der Gewerkschaften, in der Verfassung der Europäischen Union einen umfangreichen Katalog sozialer Grundrechte samt der Möglichkeit zum grenzenlosen Euro-Streik zu verbriefen, wird sich zwar nicht erfüllen. Doch ein neues Kapitel zur Beschäftigungspolitik verheißt - immerhin - mehr Koordination für mehr Arbeit. Klaren Worten würden keine Jobwunder, wohl aber kleine Taten folgen: öffentlicher Druck, Ideen zur Flexibilisierung der Arbeitszeit, soziale Mindeststandards.

Milliardenteure Beschäftigungsprogramme stehen in Brüssel nicht zur Debatte.

Genau das aber fürchten Helmut Kohl und mit ihm weite Teile der deutschen Wirtschaft. Die Bundesregierung setzt alles daran, die Maastricht-Reform für mehr Beschäftigung zu verwässern. Am Abend des 28. Mai mag der Kanzler erneut verkünden, er werde sich "dem Druck der Straße" nicht beugen. Aber unter seinesgleichen, beim EU-Gipfel in Amsterdam, sollte er nachgeben. Sonst droht ihm und der EU Schlimmeres: daß bald niemand mehr für Europa marschiert.