An Oppositionsführer Lionel Jospin liegt es gewiß nicht. Die Wahlkampfrhetorik seiner Sozialistischen Partei (PS) enthält wahrlich alles, was Devisenhändlern und Börsenanalysten früher den Angstschweiß auf die Stirn getrieben hätte: die Forderung nach einem Konjunkturrat als Vormund der Europäischen Zentralbank, einer automatischen Aufnahme Italiens und Spaniens in den Kreis der Euro-Mitglieder, das Versprechen, staatlich finanzierte Jobs als Waffe gegen Frankreichs Rekordarbeitslosigkeit einzusetzen, und die Ankündigung, notfalls sogar ei ne Krise zwischen Paris und Bonn in Kauf zu nehmen, um das alles durchzusetzen. Und dennoch: Obwohl ein Sieg der Linken trotz eines leichten Vorsprungs der Bürgerlichen laut Umfragen keineswegs ausgeschlossen ist, reagieren die Finanzakteure höchst gelassen: Weder ist der Franc abgestürzt, noch steigen die Zinsen in Frankreich.

"Zum ersten Mal fürchten die Märkte nicht, daß die Wahlen zu einer Änderung der gegenwärtigen Politik führen könnten", erklärt Anton Brender, Chefvolkswirt des Pariser Wertpapierhauses CPR, dieses erstaunliche Phänomen.

Eine Auffassung, die auch die Bevölkerung teilt. So sieht die Mehrheit der Wähler beim Thema Euro "keinen Unterschied" mehr zwischen der Präsidentenmehrheit und den Sozialisten, ergaben Umfragen. Kein Wunder, daß der laufende Wahlkampf - am Sonntag ist der erste von zwei Urnengängen - bei den meisten Franzosen auf "Langeweile und Desinteresse" stößt, wie die Tageszeitung Libération feststellt.

Denn daß irgendeine der etablierten Parteien das drängendste soziale Problem - die Massenarbeitslosigkeit - tatsächlich lösen könnte, glaubt kaum noch jemand. Europa, in zurückliegenden Wahlkämpfen gerne als Katalysator für einen wirtschaftlichen Aufschwung gepriesen, hat längst als Hoffnungsträger bei den Betroffenen ausgedient. Die Zweifel der Wähler werden dabei von durchaus renommierten Ökonomen genährt. Für Patrick Artus, Chefvolkswirt der Staatsbank Caisse des Dépots et Consignations, wird das Euro-Gebiet zunächst "eine Zone mit hoher Arbeitslosigkeit bleiben". Auch für Michael Mussa, Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), "löst der Euro die Beschäftigungsprobleme nicht". Die Regierungsparteien, erkannte das Wochenmagazin L'Express, haben hier "ihre Überzeugungskraft verloren". Aber nicht nur die. Auch den Sozialisten nimmt kaum einer noch ab, daß sie, um der Beschäftigung willen, tatsächlich eine grundlegend andere Politik machen würden als die gegenwärtige Regierung.

Seit Mitte der achtziger Jahre haben nämlich bürgerliche wie sozialistische Regierungen die gleichen Prioritäten gesetzt: Aufhebung der Lohnindexierung, Liberalisierung der Kapitalmärkte, einheitlicher europäischer Markt und Währungsunion - die Liberalisierung der dirigistischen Wirtschaft wurde zur parteienübergreifenden Staatsräson. Zeitgleich stieg die Zahl der Arbeitslosen ständig weiter - auf heute fast dreizehn Prozent. Für Louis Vianet, Chef der kommunistischen CGT-Gewerkschaft, ist damit klar, daß Europa "im Widerspruch zum Streben der Beschäftigten nach höheren Löhnen und einer Politik für Arbeitsplätze steht". Selbst Nicole Notat, Chefin der gemäßigten CFDT-Gewerkschaft, sieht in der Vorbereitung zur Währungsunion einen "wahrhaften Kreuzweg". Meinungen, die immer mehr Franzosen teilen.

Deshalb konnte Jacques Chirac auch vor zwei Jahren den Präsidentenstuhl mit einer vorsichtig europakritischen Haltung und dem Versprechen erobern, all seine Kräfte dem Kampf gegen Arbeitslosigkeit und Armut zu widmen. "Politik ist die Kunst, das Notwendige möglich zu machen", tönte der Kandidat und versprach höhere Löhne, milliardenschwere Arbeitsbeschaffungsprogramme und ein "Europa der neuen Jobs und des Wachstums". Die Kampagnenrhetorik kam an.

Der konservative Gaullist machte das Rennen - selbst in manchen Arbeiterstädten aus dem "roten Gürtel" rund um Paris und bis dahin fest in kommunistischer Hand.