Bonn

Es war ein wahrer Inselparteitag, den die FDP vor einem Jahr in Karlsruhe feierte. Nach drei gewonnenen Landtagswahlen war die liberale Depression in Euphorie umgeschlagen. Das wäre der richtige Augenblick gewesen, das neue Grundsatzprogramm und damit die "neue" FDP aus der Taufe zu heben. Doch im Überschwang entschied man sich dafür, die Abstimmung über das neue Programm erst einmal aufzuschieben.

Jetzt, auf dem Wiesbadener Parteitag, ist es soweit. Nur die Stimmung ist nicht mehr annähernd so gut wie damals. "Ab in die Schublade", urteilen innerparteiliche Kritiker über den neuen Entwurf. Das ist kein repräsentatives Urteil. Aber ein wenig wirken die "Wiesbadener Grundsätze" schon jetzt wie die Erinnerung an bessere Tage.

Die FDP hat wieder andere Sorgen. Zwei Kommunalwahlen haben gezeigt, daß auf die Erneuerung der Partei nicht automatisch öffentliche Zustimmung folgt. Der Mitgliederschwund der FDP ist ungebremst.

Auch die Umfragewerte liegen unverändert dicht an der Fünf-Prozent-Marke.

Da wundert es nicht, wenn manche Parteifreunde schon wieder laut fragen, wie viele schwache Minister sich eine kleine Partei eigentlich leisten kann.

Inzwischen ist in Bonn eine neue Runde im Kampf der Koalitionspartner eingeläutet. Union und Liberale streiten nicht um die vielbeschworene Erneuerung, sondern nur darüber, wie man finanziell über die Runden kommt. Die Lage ist trist, und es braucht schon einen gutgelaunten Guido Westerwelle, um den Bogen zu schlagen zur "neuen" FDP. Was aber sagt die gerade erschienene Shell-Studie? Alle Parteien genießen bei der Jugend allenfalls mäßiges Ansehen. Schlimmer noch steht es um die FDP: Sie kommt bei ihrer liebsten Zielgruppe gar nicht mehr vor.