Der Staub scheint mir auf der Zunge zu liegen, ich könnte ihn förmlich kauen. Die Sonne brennt erbarmungslos vom wolkenlosen Himmel, die Hitze läßt die Luft flimmern. Kein Grashalm bewegt sich. Der Geruch verschwitzter Pferdehaare steigt mir in die Nase.

"Ihr habt sie alle gefunden?" Das prüfende Auge von Bob Whitaker gleitet über unsere Gesichter. Wir nicken tapfer, auf eine überzeugende Ausstrahlung hoffend, und Bob scheint zufrieden zu sein. Seit fünf Stunden sitzen wir im Pferdesattel auf der Suche nach vermißten Rindern und können eine kleine Herde von fünf Tieren zurückbringen.

Als zahlende Gäste einer Ranch wollen wir den Alltag eines Cowboys kennenlernen, wie es ist, die Rinder zu treiben, zu brennen, zu impfen und zu kastrieren, die Zäune zu flicken. Wir möchten hautnah erleben, was uns zu Hause als Zigarettenreklame von Litfaßsäulen und Kinoleinwänden entgegenweht - das Gefühl unendlicher Freiheit, das Ideal einer Symbiose mit der Natur, mit den Tieren. Jedoch die Halbwüsten Arizonas wollen erobert sein, ihr rauher Charme bedarf einer Eingewöhnung für europäische Freizeitreiter. Es gibt nicht wenige Minuten, in denen ich mich frage, ob dies wohl die richtige Entscheidung gewesen ist. Dann fallen mir wieder die Plakate mit reitenden Männern ein, und ihr unbezwingbarer kühner Blick verhilft zu neuer Motivation.

Wie viele Besitzer von Rinderfarmen hat sich auch Dick Wilcox entschieden, der schwankenden Konjunktur bei der Rinderaufzucht Paroli zu bieten, indem er Gäste beherbergt. Vor drei Jahren kaufte der Geschäftsmann aus Minnesota die 28 000 Hektar große Ranch. Die Freizeitcowboys tragen heute nicht wenig zu einer günstigen Bilanz des Unternehmens bei. Es ist ein Trend in den USA geworden, den Bürostuhl mit dem Pferdesattel zu tauschen und den Alltag in einer ungewohnten Umgebung zu vergessen. Fast die Hälfte der Klientel sind Frauen.

Manager Fred Valentine aus New York und Bob Whitaker sind für das Management der Ranch verantwortlich. Beide lockte die Sonne nach Arizona. Dennoch preist Bobs Frau Sarah allzu gerne die Vorzüge ihrer früheren Heimat Alaska. Doch das Cowboyleben ist ein Wanderleben, oft nur ein Saisonjob für 600 Dollar pro Monat.

"Wir sind eine große Familie" lautet das Motto auf der Horseshoe-Ranch on Bloody Basin Road, und Cowboss Bob Whitaker, der Befehlshaber in Sachen Rinder, meint es ernst damit. Sieben professionelle Cowboys betreuen hier eine Herde von 1800 Rindern. Jeder der mitstreitet, bekommt eine Aufgabe und wird in die Verantwortung genommen. Das ist eine wirkliche Herausforderung für die EVD-Spezialistin Sarah Williams und den Büroangestellten Dusty Dowdell aus London, für den Mailänder Druckereibesitzer Giovanni Mondo und den Rechtsanwalt Jim Governor aus Las Vegas. Alle haben solide Reitkenntnisse vorzuweisen jedoch acht Stunden im Sattel mit Rindern zu arbeiten ist eine Sache für sich. Die Folgen solch ungewohnten Einsatzes lassen nicht lange auf sich warten.

Um fünf Uhr morgens beginnt der Tag des Cowboys mit dem Pferdefüttern.