Auf den ersten Blick war es ein Punktsieg für Boris Nemzow, Rußlands reformfreudigen Vizepremier. Seit seinem Amtsantritt im März lag der 37jährige mit Rem Wjachirjew, dem altgedienten Chef des Energiekonzerns Gasprom, in Fehde. Bis der 62jährige Wjachirjew Ende vergangener Woche selbst verkündete, wofür Nemzow gekämpft hatte: Gasprom - immer noch zu vierzig Prozent in Staatshand - soll endlich radikal umstrukturiert werden.

Wjachirjew will die Kosten des Unternehmens, das über ein Viertel der weltweiten Erdgasvorkommen verfügt, um rund 380 Millionen Dollar im Jahr kürzen. Unternehmensteile sollen ausgegliedert und notfalls geschlossen werden, 100 000 Arbeitsplätze verschwinden.

Es wäre ein dramatischer Einschnitt. Bis heute führt der Apparatschik Wjachirjew den gigantischen Konzern nach sowjetischer Tradition eher wie ein Ministerium denn wie eine Aktiengesellschaft. Experten in Moskau sehen das Ganze denn auch eher als politischen Schaukampf: Für die Öffentlichkeit ist Nemzow der Jungreformer, der es den unbeliebten Gasmanagern gezeigt hat tatsächlich aber wird Wjachirjew bis auf weiteres über das Gas herrschen.

Denn bei allem Reformeifer fehlen Nemzow vor allem Leute, die seine Interessen durchsetzen. Weit und breit ist kein Manager in Sicht, der Wjachirjew an der Spitze des Energieriesen ablösen könnte.

Somit bleibt Nemzow nur eine Möglichkeit: Er muß die Gasprom besser kontrollieren. Dafür soll ein neues Kollegium sorgen, dem Nemzow persönlich vorsitzt. Doch das Politikerteam steht vor einer fast unlösbaren Aufgabe.

Schließlich hat Wjachirjew ein undurchsichtiges Geflecht von Tochterfirmen und Joint-ventures aufgebaut, das der Gas-Chef offenbar selbst nicht mehr ganz durchschaut. Konzerntöchter produzieren alles mögliche von Türen bis Mineralwasser. Das ist Teil der Unternehmenspolitik: Wären die Gasprom-Bücher leicht zu durchschauen, dann wüßte man in Moskau schnell, wie schlecht Gasprom geführt ist oder wieviel Steuern eigentlich fällig wären. Nach einem vertraulichen Bericht des Internationalen Währungsfonds (IWF) hat die Aufteilung Gasproms in unabhängige Kostenzentren, wie sie der IWF bereits Anfang 1996 gefordert hatte, noch nicht einmal begonnen.

Das Reformtempo dürfte sich künftig nicht dramatisch beschleunigen: Wjachirjew wird gegenüber dem Nemzow-Kollegium mit Informationen geizen.