Lange hat man sich gefragt, wieso Bundesfinanzminister Theo Waigel so zuversichtlich behaupten konnte, Deutschland werde den Defizitwert des Maastricht-Vertrages punktgenau mit drei Komma null Prozent einhalten.

Mittlerweile weiß man: Nicht nur die vielgescholtenen Italiener und Franzosen, sondern auch Waigel schönt seine Zahlen mit kreativer Buchführung, die das staatliche Defizit nur 1997 senkt.

Ausgerechnet die konservative Bundesregierung verwirklicht einen Traum, den manche Sozialdemokraten und Grüne früher einmal gehegt haben, und greift nach dem Goldschatz der Bundesbank, um sich über die budgetären Probleme hinwegzuschleppen. Der grüne Haushaltsexperte Oswald Metzger wundert sich: "Die sind in heller Auflösung begriffen."

Die "panikhafte Reaktion", wie Rüdiger Pohl, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts in Halle, sagt, könnte fatale Folgen haben.

Denn die Operation Goldschatz dürfte dem Vertrauen sowohl in den Euro als auch in die unabhängige Zentralbank viel größeren Schaden zufügen als ein geringfügiges Abweichen vom Defizitwert.

Die Höherbewertung der Goldreserven ist, rein rechtlich gesehen, zulässig.

Anrüchig wird der Vorgang, weil die Bundesbank voraussichtlich veranlaßt werden soll, noch in diesem Jahr eine Zwischenbilanz zu erstellen, den entstehenden Buchgewinn auszuschütten und das dafür benötigte Geld kurzerhand zu drucken. Eine "pure Geldschöpfung", kritisiert die Schutzgemeinschaft der deutschen Sparer, ein Zusammenschluß der Verbände des Kreditgewerbes. Dadurch bricht Bonn mit jahrzehntelang gepflegten Standards solider Buchführung und der Trennung von Notenbank und Staatshaushalt. Dem Euro wird damit ein Bärendienst erwiesen, und bei den Frankfurter Währungshütern macht sich zu Recht verhaltene Wut breit.