DIE ZEIT: Monsieur Baudrillard, seit Jahren wollen Sie uns weismachen, daß wir in einer künstlichen Welt leben. "Eigentlich" gibt es uns schon gar nicht mehr. Die Wirklichkeit, die Geschichte, das Soziale - alles passé. Nun steht Frankreich vor vorgezogenen Neuwahlen.

Interessieren Sie sich für so eine Veranstaltung überhaupt noch?

Oder ist das für Sie nur Simulation von Politik?

JEAN BAUDRILLARD: Ich finde alles ein bißchen langweilig und ermüdend, weil es nichts Neues gibt. Diese Wahlen sind wieder einmal eine Strategie der Ablenkung und verdanken sich den Erfolgen von Le Pen und des Front National. Die heilige Einheit muß wiederhergestellt werden. Diese Dinge sind nicht politisch, sondern höchstens in einem transpolitischen Sinne interessant: indem sie auf das Verschwinden des Politischen hinweisen. Die französischen Wahlen, na ja, die sehe ich mehr unter dem Aspekt der Parodie, des Spiels oder der Farce, von der Marx gesprochen hat. Es geht nur noch um die Geschichte, die zur Farce geworden ist. Wir haben es nicht mehr mit Originalereignissen zu tun, sondern mit Replikaten, Klischees, Stereotypen nur die handelnden Personen sind jedesmal ein bißchen anders. Das ist ein Geisterspiel, eine Phantomveranstaltung.

Aber Le Pen ist ein neues Phänomen.

Das stimmt. Le Pen repräsentiert nicht den traditionellen Faschismus, sondern etwas anderes. In Frankreich gibt es eine spezielle Situation.

Wenn man sich die Ohnmacht und die Einfallslosigkeit der politischen Klasse anschaut, egal ob links oder rechts, dann muß man sagen, daß Le Pen der einzige wilde Analytiker dieser Gesellschaft geworden ist, allein schon durch seine Anwesenheit. Leider gibt es bei der Linken keinen wilden Analytiker. Le Pen führt als einziger einen politischen Diskurs er ist der einzige, der kein Blatt vor den Mund nimmt, während die anderen nur denunzieren. Die gesamte Linke bewegt sich auf diesem Feld der Denunziation: Le Pen sagt dies, Le Pen sagt das, während er mit klaren Worten spricht. Man hat ihm eine Heimstatt im Bösen zugewiesen, und er verfügt nun über die gesamte Macht dieses Bösen, wenn er sich äußert. Er hat das Monopol, das Böse zu sagen, und das ist eine sehr starke symbolische Macht. Die Linke dagegen verbietet es sich, gewisse Dinge auszusprechen.