KYFFHÄUSER. - "Wenn ihr auf Klassenfahrt seid", empört sich der koboldhafte Höhlenführer, "dann wird offenbar das Mathe-Gehirn zu Hause gelassen." Tatsächlich zeigen die Viertkläßler aus Nordhausen wenig Lust, auszurechnen, wie tief sie sich im Großen Dom der etwas abseits der Bundesstraße 80 zwischen Sangerhausen und Nordhausen am Fuß des Kyffhäuser gelegenen Höhle Heimkehle unter dem Tageslicht befinden. Alle warten gespannt auf das, was als "Höhepunkt der Führung" angekündigt wurde.

Endlich erlischt das Licht. Von irgendwoher erklingt eine gar nicht elfenhafte Musik. Plötzlich erscheinen im Höhlengewölbe farbige Figurinen, ein tänzelnder Reigen, schließlich eine winzige Fledermaus, die sich zu einem riesigen Monster auswächst, während die teutonische Blasmusik von Richard Wagners "Walkürenritt" im Fortissimo dahergaloppiert. Als der Laser-Spuk endlich vorbei ist, gibt es schwachen Applaus. Rentnergruppen, die auf Kaffeefahrten durch den Harz hier haltmachen, sind da viel begeisterungsfähiger.

Während einige Schüler die eingängig-einfältige Melodie johlen, geht es weiter in den Kleinen Dom. "Und hier", sagt der Höhlenführer mit feierlichem Tremolo, "zeigt sich das dunkle Kapitel der Höhlengeschichte", nämlich eine "Gedenkstätte an die Opfer der hier im Krieg beschäftigten Zwangsarbeiter", wie es in einem Faltblatt heißt. Auf eine Betonwand sind holzschnittartig die ausgemergelten Gesichter zweier KZ- Häftlinge gemalt, daneben der rote Winkel und ein pathetischer Text - Beispiel der antifaschistischen Denkmalsästhetik der DDR.

Von März 1944 bis April 1945 diente die Karsthöhle Heimkehle als Außenlager des nahe gelegenen KZ Mittelbau-Dora. KZ-Häftlinge bauten die Stollen und Hallen der Höhle zu einer unterirdischen Rüstungsfabrik der Junkerswerke Dessau aus, in der Fahrgestelle für Flugzeuge hergestellt werden sollten. Dazu kam es nicht mehr doch von den 1500 Häftlingen überlebten nur etwa 200. Tausend Menschen ermordete die SS in einer Scheune in Gardelegen weitere 300 starben bei einem sinnlosen Evakuierungsmarsch, der erst nahe Schwerin endete.

Peter Bauspieß von der Verwaltung der Höhle, die von der Gemeinde Uftrungen betrieben wird, sieht überhaupt keinen Konflikt zwischen dem Laser-Hokuspokus mit Begleitmusik von Hitlers Lieblingskomponisten und der Tatsche, daß sich hier eine Stätte des NS-Völkermordes befand. Auf den Tafeln einer Ausstellung am Höhlenausgang steht denn auch das Naturdenkmal ganz im Vordergrund. "Skrupellos", so liest man, seien von den Nazis "wesentliche Teile der Höhle zerstört worden". Über die hier geschundenen Menschen werden nur ein paar Fakten geliefert.

Heute besichtigen jährlich etwa 60 000 Menschen die Höhle, zu "Zonenzeiten", erinnert sich Bauspieß, seien es gut und gerne doppelt so viele gewesen. Die Laser-Show ist gleich nach der Wende installiert worden - noch von Fördermitteln, die zu "Zonenzeiten" bewilligt wurden. Einmal im Jahr kommen zwei Reisebusse mit ehemaligen Häftlingen, vornehmlich aus Belgien und Frankreich. Nein, die hätten keinen Anstoß genommen an der Laser-Show, sagt Bauspieß.

"Wissen Sie, das ist genau wie früher am OdF-Tag (Opfer des Faschismus), nicht mehr ganz soviel, aber im Prinzip genauso."