Ihren Urlaub könnte Joanna Mlodnicka sich auch schöner vorstellen. Irgendwo an der Ostsee oder in den polnischen Bergen. Sicher, auch Brandenburg hat seine reizvollen Ecken. Nur - von denen hat Joanna Mlodnicka bisher nicht viel gesehen. Potsdam, Werder und "Kaufland" kennt sie - und Klaistow natürlich. Das kennt sonst kaum jemand, so klein ist der Ort. Aber einmal im Jahr kommen Scharen von Menschen hierher - dann, wenn der Spargel schießt und Joanna Mlodnicka gerade deshalb hier "Urlaub" macht.

Vier Wochen hat sich die Schmuckverkäuferin aus dem polnischen Wroclaw freigenommen, damit sie in Klaistow am Fließband stehen kann. Sie wäscht und sortiert Spargel - die dicken, geraden Stangen in die grüne Kiste, die dünneren in die rote oder violette. Gut acht Stunden am Tag macht sie das, sieben Tage die Woche, "aber die Arbeit ist in Ordnung." Das Geld auch. Wenn sie flink ist, kann Joanna Mlodnicka vielleicht 2000 Mark verdienen in den vier Wochen. Das wäre das Vierfache ihres polnischen Monatslohns.

Frauen wie Joanna und ihre männlichen Kollegen auf den Feldern meint Manfred Schmidt vom Beelitzer Spargelverein, wenn er sagt: "Ohne die Erntehelfer aus Polen gäbe es hier keinen Spargelanbau mehr." Allein 800 polnische Saisonarbeiter ackern derzeit in den Spargelbetrieben rund ums brandenburgische Beelitz - erfahrene Kräfte, gewissenhaft, flink, zeitlich flexibel. Einige sind schon das fünfte Jahr hier. Für etliche könnte dieser Ernteeinsatz jedoch der letzte sein. Denn angesichts von 4,3 Millionen Arbeitslosen in Deutschland soll die Zahl der ausländischen Saisonarbeiter in der Landwirtschaft deutlich reduziert werden. An ihrer Stelle sollen deutsche Arbeitslose auf den Feldern und in den Obstplantagen stehen.

Wenn Ernst August Winkelmann, Joanna Mlodnickas Chef, daran denkt, dann "brütet" es in ihm: "Wenn wir gar keine polnischen Erntehelfer mehr kriegen, sind wir kaputt." Der aus Westfalen zugewanderte Spargelbauer wählt jedes Wort mit Bedacht. "Das Thema ist sensibel. Das kann schnell einen falschen Zungenschlag kriegen."

Ausländische Saisonarbeiter sind ein Reizthema, das auf einen Schlag gleich mehrere Klischees provoziert: "Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg" und "Die Arbeitslosen sind nur zu faul zum Arbeiten". Ein Blick auf die blanken Zahlen lädt zu solchen platten Weisheiten ein: 200 000 Saison-Arbeitsverträge, befristet auf längstens zwölf Wochen, hat die dafür zuständige Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Frankfurt vergangenes Jahr genehmigt - so viele wie nie zuvor. Egal, ob Spargelernte in Brandenburg, Gurkenernte im Spreewald, Kirschernte im Alten Land oder Weinlese am Kaiserstuhl - kaum eine landwirtschaftliche Region in Deutschland kommt bislang ohne die vorwiegend osteuropäischen Saisonkräfte aus. Rein arithmetisch eine offenkundige Diskrepanz zu den monatlichen Hiobsmeldungen aus Nürnberg.

Seit Beginn dieses Jahres jedoch werden die Arbeitsgenehmigungen für ausländische Erntehelfer deutlich restriktiver gehandhabt. Nur noch längstens sechs Monate im Kalenderjahr dürfen Unternehmen künftig auf Saisonkräfte zurückgreifen. Im Gegenzug können deutsche Arbeitslose jetzt eher zur Erntearbeit herangezogen werden. Neue Zumutbarkeitsregelungen im Arbeitsförderungsgesetz verpflichten Arbeitslose, nach spätestens sieben Monaten eine Tätigkeit auch dann anzunehmen, wenn deren Entlohnung nicht höher liegt als das bisherige Arbeitslosengeld. Und weil das Lohnniveau in der Landwirtschaft meist unter dieser Zumutbarkeitsgrenze liegt, können die Arbeitsämter noch eine sogenannte Arbeitnehmerhilfe von täglich 25 Mark zum Lohn zuschießen. Wer ohne gravierende Gründe die Arbeit auf dem Feld verweigert, riskiert eine Sperrzeit.

Die Maßnahmen scheinen Wirkung zu zeigen: Für die ersten vier Monate dieses Jahres verzeichnet die ZAV achtzehn Prozent weniger Arbeitsgenehmigungen für ausländische Saisonarbeiter als im Vorjahr - trotz unveränderten Bedarfs. In Brandenburg registrierte das Landesarbeitsamt im ersten Quartal dieses Jahr 5600 Stellengesuche für Saisonkräfte in der Landwirtschaft. Doch nur 2200 dieser Gesuche hat das Arbeitsamt zur Vermittlung an ausländische Erntehelfer weitergegeben. Gerade mal halb soviel wie im vergangenen Jahr.