Hitze, Steine, Staub. Ein Mann fährt durch die Vorstädte Teherans, apathisch, mit leerem Gesicht. Er sucht einen Komplizen, der ihm hilft, sein Leben zu beenden. Aber keiner will dem Mann am Steuer beim Sterben zur Hand gehen. Nicht der Soldat, den er auf dem Weg zur Kaserne aufliest. Nicht der Koranstudent, mit dem er über die Einstellung des Propheten zum Selbstmord diskutiert. Und auch nicht der geheimnisvolle Alte, der plötzlich auf dem Beifahrersitz des Wagens auftaucht wie eine Erscheinung aus dem Nichts. Er erzählt dem Lebensmüden die Geschichte seines eigenen Selbstmordversuchs, der in einer Obstplantage endete. "Statt zu sterben, aß ich Maulbeeren", sagt der Alte. "Willst du den Duft der Früchte für immer aufgeben? Den Geschmack der Maulbeere, der Kirsche?" Der Mann am Steuer schweigt. Sie fahren hinab in die Ebene. Es wird Nacht, ein Gewitter zieht auf, es regnet. Der Selbstmörder legt sich in ein Erdloch und verschränkt die Arme. Dann wird es wieder hell, und der Film ist vorbei.

"Der Geschmack der Kirsche", ein Werk des iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami, gewann am Sonntag abend die Goldene Palme der 50. Filmfestspiele von Cannes . Damit wurde ein Film geehrt, der erst in allerletzter Minute ins Programm des Festivals aufgenommen worden war, so spät, daß man ihn im offiziellen Katalog von Cannes vergeblich suchte - und ein Filmemacher, der schon spannendere ("Wo ist das Haus meines Freundes?") und schlüssigere Geschichten ("Quer durch den Olivenhain") im Kino erzählt hat. Und als hätte diese Entscheidung nicht schon ausgereicht, um die festlich aufgemotzte Galagemeinde im Grand Auditorium Lumiére zu verstören, vergab die Jury unter Vorsitz von Isabelle Adjani noch eine zweite Goldene Palme an den japanischen Altmeister Shohei Imamura, dessen Komödie "Unagi" ("Der Aal") zu den milderen Enttäuschungen eines mit Abstürzen gepflasterten Wettbewerbs gehört hatte. Einen dritten Hauptpreis schließlich, der aus Anlaß der fünfzigsten Wiederkehr von Cannes verliehen wurde, empfing der Ägypter Youssef Chahine für sein beinahe ebenso viele Jahre umfassendes Lebenswerk.

Wer will, mag die Entscheidung für Kiarostami, Imamura und Chahine als politisches Fanal begrüßen - gegen die Kommerzialisierung des Kinos, gegen das Bilderverbot und den Gedankenterror der Mullahs (mit denen Chahine in seinem Wettbewerbsbeitrag "Al-Massir", einer knallbunten Kostümparabel aus dem 12. Jahrhundert, auf gefällige Weise abrechnete). Aber die Vergabe der Palmen ist zugleich Ausdruck einer Hilflosigkeit, die seit Jahren unter den Jurys dieses prächtigsten und feierlichsten aller Filmfestivals grassiert. Denn in Cannes, wo einst Coppola und Kurosawa, Truffaut und Tarkowskij, Altman und Bresson ihre Kräfte maßen, geht es heute oft gar nicht mehr darum, den wirklich besten Film eines Kinojahres zu krönen. Manchmal muß man schon froh sein, wenn es unter den vielen lahmen, tauben und halbblinden Filmen im Wettbewerb den einen trifft, der mit beiden Augen sehen (und gesehen werden) kann - und wenn dieser dann noch, wie bei Kiarostami, die Handschrift eines verdienten Kino-Märtyrers trägt, wird die Frage nach dem ästhetischen Rang des Preisträgers rasch überflüssig. Ebensogut hätte diesmal die Wahl auf die süßliche Primo-Levi-Verfilmung des Italieners Francesco Rosi ("Die Atempause") oder die allzu brave Sarajevo-Story des Briten Michael Winterbottom ("Welcome to Sarajevo") fallen können. Auf ihrem Weg in die Bedeutungslosigkeit ist die Goldene Palme von Cannes im Jubeljahr 1997 ein gutes Stück vorangekommen.

Der wahre Gewinner dieses Festivals stand schon lange vor der Preisverleihung fest. Luc Bessons Science-fiction-Thriller "Das fünfte Element", der vor vierzehn Tagen die Schlacht an der Croisette eröffnete, hatte nach nur einer Woche Laufzeit in den französischen und amerikanischen Kinos über fünfzig Millionen Mark eingespielt - und damit ein gutes Drittel seines Budgets, des höchsten, das je für eine europäische Produktion zur Verfügung stand, wieder wettgemacht. Dabei ist "Das fünfte Element" weder ein spannender noch ein origineller, noch selbst ein tricktechnisch besonders aufregender Film. Er plündert nur einfach alles, was im Science-fiction-Genre der letzten hundert Kinojahre gut und teuer war, von "Metropolis" über "2001" und "Blade Runner" bis zu Emmerichs "Stargate" und Roger Donaldsons "Species", und krönt diesen Bilderbrei mit einer Bruce-Willis-Parodie, gespielt von Bruce Willis selbst. Besson hat gedreht, wovon die grauköpfigen Advokaten der "Postmoderne" seit Ewigkeiten faseln: das perfekte, sterile, postkinematographische Computerkunstmärchen, dessen Schlichtheit nur noch von der Dreistigkeit übertroffen wird, mit der es doppelt und dreifach verbrauchte Kino-Ideen für seine Bedürfnisse kopiert. Der Erfolg des "Fünften Elements" ist ebenso ein Industrieprodukt wie der Film selbst, von Strategen geplant, von Statistikern berechnet, von PR-Kampfgruppen ausgeführt. Am Ende werden die Zuschauerzahlen das einzige sein, was von Bessons Film in Erinnerung bleibt.

"Les bons films sont pas faits pour marcher", die guten Filme seien nicht für den Erfolg gemacht, sagte Jean-Luc Godard in Cannes bei einer Pressekonferenz, auf der er zwei neue Folgen seiner "Geschichte(n) des Kinos" vorstellte: rätselhafte Video-Predigten über "das Kleingeld der Diktatoren" und "den Blick der Finsternisse", Monologe über Hitchcock und den Neorealismus, vollgestopft mit französischen, englischen und lateinischen Zwischentiteln und Filmzitaten aller Länder - Antikino und Antifernsehen zugleich. Wenn Godard recht hätte, dann dürfte den beiden besten Filmen im Wettbewerb von Cannes, Ang Lees "The Ice Storm" ("Der Eissturm") und Atom Egoyans "The Sweet Hereafter" ("Das süße Danach"), ein trauriges Schicksal blühen. Aber zum Glück hat Godard nicht immer recht.

Ang Lee ist kein Rebell und kein Prophet des Kinos, sondern ein Konfektionär im guten Sinn. Jede Geschichte, die er anpackt, gerät ihm zum Sittenbild eines Landes und einer Zeit, sei es das England Jane Austens ("Sinn und Sinnlichkeit"), das Taiwan der frühen neunziger ("Eat Drink Man Woman") oder, wie in "The Ice Storm", das Amerika der frühen siebziger Jahre. Lees Film, nach einem Roman von Rick Moody, spielt im Herbst 1973 in einer Kleinstadt in New Jersey: Elena (Joan Allen) und Benjamin Hood (Kevin Kline) haben sich auseinandergelebt, Benjamin schläft mit der Nachbarin Janey (Sigourney Weaver), die Kinder, Paul und Wendy, suchen erste sexuelle Erfahrungen; man feiert lustlos Thanksgiving, geht zu einer Party mit Partnertausch, und ein Eissturm zieht herauf. Man sieht dem Film an, wie penibel der in Taiwan geborene Regisseur das amerikanische Kino und die Ostküsten-Literatur der bleiernen seventies studiert hat: Inneneinrichtungen, Familienrituale, Lebenslügen. Es gibt kein einziges "neues" und atemberaubendes Bild in "The Ice Storm", aber es gibt, wie in den besseren Hollywoodfilmen, eine Folge von Bildern, in denen man sich aufgehoben fühlt, eine besondere Stimmung und einen eigenen Ton. Das ist viel.