Am Samstag in der Frühe hört man am Bahnhof Charlottenburg normalerweise die Vögel singen. Mit dem günstigen Wochenendticket startet der Berliner um diese Zeit gern ins Grüne. Wenn sich eine Hundertschaft Bundesgrenzschutz in dieses Idyll mischt, hat das seinen Grund. Der Grund sind Hübi, Röbi, Charly und die Freunde vom Fanclub Berlin: "Wir sind die Aufstiegskolonne, wir sind wieder da!" Hübi mit Lambrusco, Röbi mit saurem Korn, Charly mit dem bewährten Schultheiss aus der Dose. "Abmarsch", lautet das Kommando. Mit Hertha gegen Zwickau. Den Sachsen wird man's zeigen. Und dem Rest der Welt. "Weil wir Berliner sind . . ." Die Uniformierten prüfen den Sitz des Schlagstocks. Helm, Funkgerät, Handschellen, alles am Mann. "Zickzack, Sachsenpack!" Mit einem Ruck setzt sich der Regionalexpreß in Bewegung.

Hübi hat einen Sitzplatz gefunden und legt in groben Zügen dar, worum es geht. Fußball ist Fußball, Politik ist Politik, und die hat auf dem Platz nichts verloren. Deswegen bekommt er auch immer einen dicken Hals, wenn er zum Beispiel an St. Pauli denkt, diesen Revoluzzerclub. Gott sei Dank steigt St. Pauli ab, den Rest sieht Hübi gelassen.

Als zweiten Vorsitzenden seines Fanclubs darf man Hübi einen alten Herthaner nennen. Mehr als dreihundert Auswärtsspiele hat er hinter sich gebracht. Da kommt was zusammen: sechs fünffache Obstler in Bielefeld auf ex, die Hose verloren in Schalke, in einer Braunschweiger Kneipe glatt verschlafen, als das Mobiliar ringsum zerlegt wurde. "Jenauso war det", bestätigt Röbi und zeigt sein schönstes Lächeln - Hertha ist ihm eben mehr wert als ein vollständiger Satz Zähne.

Der Zug hält in Bitterfeld, und Bitterfeld kriegt zu hören, daß es "Sachsenscheiße" sei, was die wenigen Bitterfelder, die schon auf den Beinen sind, nicht persönlich nehmen müssen, weil es sich hier ja genaugenommen noch um Sachsen-Anhalt handelt. Charly hängt die Kappe von den "Hertha-Trunkenbolden" im Nacken, und das Schultheiss steckt ihm mittlerweile in den Knochen, aber seine Botschaft bleibt unverändert: "Hertha ist Religion." Drei Jahre habe er für die Hertha im Knast gesessen, wegen Randale und was auch immer. Wer dazu nicht bereit sei, der sei in seinen Augen kein echter Fan. Sein Nachbar tippt sich an die Stirn. Damit ist das Grundsätzliche erledigt.

Früher nannten sich die harten Hertha-Fans Frösche und waren bei Freund und Feind berüchtigt. Seit dem Mauerfall hat sich die Szene verlagert. Der härtere Teil kommt inzwischen aus dem Osten, wo angesichts der sportlichen Mißerfolge von FC Union oder gar Dynamo, heute FC Berlin, allerdings wenig Gelegenheit besteht, auf sich aufmerksam zu machen. Also hängt sich der Osten notgedrungen an den Westen. Der sieht das, wie auch sonst, mit gemischten Gefühlen. Aber was soll man machen, Fan ist Fan.

Gegen elf läuft der Zug in Zwickau ein. Es nieselt unfreundlich, und die örtlichen Sicherheitskräfte machen auch nicht gerade den Eindruck, als erwarteten sie den Besuch aus Berlin mit Freude. Hübi stoppt ein Taxi. Eine kluge Entscheidung, wie sich herausstellt, denn der Rest der Fans marschiert los, ohne den Weg zum Stadion zu kennen. Auf der Suche nach Getränken stürmt man den erstbesten Supermarkt und sieht sich in Windeseile von grimmigen Beamten umzingelt, die den Trupp von nun an nicht mehr aus den Augen lassen.