SIEGBURG. - Die Herren rammten in der vergangenen Woche den Spaten in die Erde, um den Baubeginn für die ICE-Strecke Köln-Rhein/Main zu markieren. Demonstrativ dabei Bundesbahnchef Heinz Dürr, Verkehrsminister Matthias Wissmann aus Bonn und der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Wolfgang Clement. Doch ihre Anwesenheit täuschte nicht darüber hinweg, daß ein heftiger Streit um die Trasse tobt, auf der im Jahre 2001 der ICE fahren soll.

Seit sieben Jahrhunderten finden Verstorbene auf dem Friedhof neben der katholischen Pfarrkirche St. Martinus im Dorf Niederpleis bei Siegburg ihre letzte Ruhe. Mit dem Frieden könnte es allerdings vorbei sein, wenn das Eisenbahnbundesamt den Plan der Deutschen Bahn AG genehmigen sollte, die ICE-Trasse Köln-Rhein/Main in einem Tunnel unter dem Gottesacker hindurchzuführen.

Verletzung der Pietät ist jedoch nicht der einzige Vorwurf, den die rheinischen Städte Siegburg, Königswinter, Bad Honnef und St. Augustin sowie der Rhein-Sieg-Kreis gegen die Bahn AG erheben. Auf 19,5 Kilometern zwischen Siegburg und der Grenze zu Rheinland-Pfalz würden Belange des Natur- und Landschaftsschutzes erheblich mißachtet, argumentieren die Kommunen in politisch seltenem Einklang quer durch alle Fraktionen.

Anders als an den übrigen Abschnitten des 204 Kilometer langen "Herzstücks im neuen europäischen Hochgeschwindigkeitsnetz" (Bahn-Jargon) beschränkt sich der Protest jedoch nicht aufs Neinsagen: Die Kommunen machen vor, wie es besser geht. Unter der Koordinierung von HansAdolf Schmidt vom Planungsamt des Rhein-Sieg-Kreises ließen sie für 80 000 Mark eine Alternativtrasse austüfteln. Technische Details erarbeitete Professor Wulf Schwanhäußer von der TH Aachen, der auch für die DB tätig ist; für die Landschaftsplanung war der Nürnberger Professor Reinhard Grebe zuständig.

Die Variante liegt auf weiten Strecken tiefer als die DB-Trasse und rückt stellenweise näher an die Autobahn. Das bedeutet: weniger Dämme, kürzere Brücken, bessere Einbettung in die Landschaft, geringere Lärmbelastung und Erhaltung von Ackerflächen - oder anders gesagt: schonenderer Umgang mit Natur und Menschen. Will die DB beispielsweise mitten in der schönen Siegaue einen bis zu vier Meter hohen Damm aufschütten, so möchten die Kommunen die Trasse einfach um ein paar hundert Meter verschieben. Damit würde gleichzeitig der Friedhof von Niederpleis verschont und die sich anschließende Pleisbachtalaue dazu. Die Bahn will dort überschüssige Erde zu einem künstlichen Hügel aufschütten, während die Kommunen einen Tunnel vorschlagen. So könnte eine Auenlandschaft gerettet werden, die zu den letzten offenen Feld- und Wiesenräumen im dichtbesiedelten Bereich zwischen Bonn, Siegburg und St. Augustin gehört.

Selbst bei der Deutschen Bahn gibt man zu, daß die Alternative technisch machbar sei, dennoch beharrt Hans-Georg Zimmermann, Pressesprecher der Bahn-AG-Tochter DB Projekt GmbH Köln-Rhein/Main: "Im Moment weichen wir nicht von unserer Planung ab." Diese sei "ausgewogen unter Berücksichtigung aller Kriterien".