Paul Klee schrieb es anno 1915: "Ich habe diesen Krieg längst in mir gehabt. Daher geht er mich nichts an. Um mich aus meinen Trümmern herauszuarbeiten, mußte ich fliegen. Und ich flog. In jener zertrümmerten Welt weile ich nur noch in der Erinnerung, wie man zuweilen zurückdenkt. Somit bin ich ,abstract mit Erinnerungen'."

Dunkle Worte des Meisters. Auf imaginären Schwingen erhebt sich der psychoanalytisch geschulte Phönix über Bombentrichter und Giftgasnebel und möchte partout die Asche vergessen, der er entstieg. Verdunkelt wurde dadurch auch der Blick mancher Kunstgeschichtler, denen als ausgemacht galt, daß Paul Klees Erfahrung des Ersten Weltkriegs sich nur sehr vermittelt und zeitlich verzögert in seinem Werk niedergeschlagen hat - etwa in dem kleinen Gemälde "Zerstörter Ort" von 1920.

Nun kommen ausgerechnet Naturwissenschaftler und Technikhistoriker daher, um das Werk des Malers neu zu deuten. Die Zweigstelle für Luftfahrt des Deutschen Museums in München präsentiert (bis zum 30. September) eine ungewöhnliche Schau mit einem ungemein gewöhnlichen Titel: Paul Klee in Schleißheim . Dort, auf der Flugwerft der Königlich-Bayrischen Fliegertruppen, mußte Klee seinen Militärdienst ableisten, und diese Welt der Aeroplane und des Luftkriegs hinterließ nicht nur "abstracte Erinnerungen", sondern auch konkrete Spuren in seinen Bildern. Das Technikmuseum konfrontiert zwanzig Originale und achtzig Reproduktionen mit historischen Kampfflugzeugen, Drachen und Modellen.

Der Mann, der im Geiste über die Trümmer flog, war allerdings nie ein Kampfpilot. Zwar wurde der damals 36jährige Wahlmünchner Paul Klee, obwohl in der Schweiz geboren und aufgewachsen, als Sohn eines Deutschen im März 1916 eingezogen, aber im August überraschend nach Schleißheim versetzt. So blieb er vom Fronteinsatz verschont. Während seine Freunde August Macke und Franz Marc im Krieg starben, bekam er Aufgaben als "Kunstmaler". Seine Vorgesetzten hatten davon eine präzise Vorstellung. So mußte Klee zum Beispiel die Tarnbemalung der Flugzeuge ausbessern. Und das hatte, glaubt man den Ausstellungsmachern, weitreichende Folgen für sein Spätwerk.

Nach einer sorgfältigen Farbanalyse des 1938 entstandenen Bildes "Park bei Lu(zern)" entdeckten sie "erstaunliche Gemeinsamkeiten" mit der Bemalung von Kampfflugzeugen. Der Künstler verwende hier dieselben Kombinationen aus warm leuchtenden Gelb- und Rottönen und kühlen Blau-Grau-Pastellklängen wie die Wilhelminischen Militärästhetiker des Tarnens und Täuschens, außerdem erinnerten Klees balkendicke schwarze "Bäume" in weißer Umrahmung an die nationalen Hoheitszeichen wie etwa das Eiserne Kreuz auf Tragflächen und Rumpf der "Halberstadt CL IV". So hat also nun in der imposanten Schleißheimer Flugzeughalle aus dem Ersten Weltkrieg ein Doppeldecker von 1918 (den Klee übrigens selbst bemalt haben könnte) sein Rendezvous mit einem abstrakten Ölbild.

"An Aeroplanen die alten Nummern ausgemalt und neue vorn hinschabloniert", hat der Künstler in sein Tagebuch gekritzelt, und auch diesem Hinweis gehen die Museumsleute nach. Die Schablonenzahlen und -buchstaben in Klees Bildern aus jener Zeit fallen unmittelbar ins Auge. Da gibt es das fragmentarische Aquarell "E" von 1918 mit der schablonenhaften Letter im Mittelpunkt oder die "Komposition mit dem gelben Halbmond und dem Y" oder das Bild "43". Genauere Hinweise gibt das Kapitel "Schablonen-Schrift und Tarnfarben in den Werken Paul Klees" in dem dreißig Mark teuren und 144 Seiten starken Katalog.