Der Autor sei, so wird unter seinem Artikel beflissentlich vermerkt, "Mitglied der Lenkungsgruppe für die Realisierung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas". Ist das nicht wonnevoll? Ist das nicht süß, wie die Kinder heute sagen? Wir früher hatten ja auch so Wörter: Donaudampfschiffahrtsgesellschaftskapitänsmützenschirm - na, wer kriegt's noch länger? Vielleicht "Verantwortliches Mitglied der parteiübergreifenden Lenkungsgruppe für die Planung und Realisierung des zentralen Denkmals der Bundesrepublik Deutschland für die ermordeten Juden Europas"? Bitte folgen Sie uns unauffällig.

Diese Sprache! Diese schöne, unverwüstbare deutsche Sprache. Da freut man sich des Deutschseins. Da ist es gar kein Problem mehr, ganz Mensch und doch ganz deutsch zu sein, wie die bekannte Schangsonette Milwa singt, beziehungsweise wie es der Theologe R. Schröder vor kurzem auf einer Tagung in Berlin so treffend hofgepredigt hat, daß es nämlich gerade unsere Nachbarn höchst störend ankäme, wenn wir "eine postnationale Gesellschaft" wären, bestehend "aus Europäern oder auch bloß aus Menschen, die bloß Menschen sein wollen, sonst nichts". Deutsche, die bloß Menschen sein wollen - ja, empörend! Gerade aus christevangelischer Sicht.

Andererseits unsere, die deutsche Literatur. Da sieht man in der Buchhandlung einen jungen Mann frohgemut das neue Buch von Botho Strauß bezahlen, vierunddreißig Mark - und sieht ihn schon daheim im Sessel sitzen, sieht sein Gesicht sich langsam eintrüben, ergrauen, sieht ihn gähnen, sieht, wie er auf Seite 31 (oder hat er es bis 33 geschafft?) kapituliert. Klapp. Dieses traurige Geräusch. Wie schade.

Als gäbe es da nicht noch anderes, Altes und Neues. Oftmals gar noch ungedruckt. Im Hamburger Staatsarchiv etwa lagert schon seit Jahrzehnten und Aberjahrzehnten ein herrliches Faß Text: das Tagebuch des Ferdinand Beneke, das er über fünfzig Jahre lang, von 1792, seinem achtzehnten Lebensjahr, bis zu seinem Tod 1848 führte, ein kolossaler Kassiber. Beneke war Jurist, ein norddeutscher Biedermann, vom schönsten Kosmopolitismus des 18. zum trübsten Nationalismus des 19. Jahrhunderts konvertierend, doch literarisch begabt. Dann und wann zitiert ihn mal wer in einer Studie oder einem Vortrag, Ann-Charlott Trepp zum Beispiel, die ein Buch über "Frauen und Männer im Hamburger Bürgertum zwischen 1770 und 1840" geschrieben hat, unter dem Titel "Sanfte Männlichkeit und selbständige Weiblichkeit" gut getarnt als 123. Veröffentlichung des Max-PlanckInstituts für Geschichte zu Göttingen.

Unser Beneke! Wenn man bedenkt, wie in England Pepys und Boswell gehegt werden, wie sich der Franzmann an dem Journal der Brüder Goncourt ergötzt oder an den ähnlich unendlichen Tagebüchern des göttlichen Paul Léautaud . . . Das Briefjournal der Madame de Sévigné ist sogar schulpflichtig, Kanon, Kanon! Kostet natürlich. Kostet Zeit und Geld, das will ediert sein. Aber es lohnt sich, allein schon der Kinderszenen wegen, wenn Vater Beneke der Sprechkunst seiner kleinen Emma (zwey Jahre) huldigt: "In ihrer drolligen Laune ist sie einzig. Man kann nicht schalkhafter seyn. So hat sie bemerkt, daß ich die ihr von der Amme angeschwatzten Hamburgischen Vokalverziehungen auszumärzen suche. Obwol sie nun sehr gut Maler, Aale, Matador . . . sagen kann und gewöhnlich sagt, so stellt sie sich doch zuweilen mit einer drollig wichtigen Mine vor mich hin und wiederholt solange im ärgsten Hamburgischen Dialekt Mooler, Oole, Matadaur, biß ich sie hasche und mit Küßen bestrafe . . . Musik und Tanz liebt sie über alles. ,Pilen! Pilen! Pater!' ruft sie mir, nicht nachlassend, zu, wenn wir von Tisch aufstehen. Dann hat das Tanzen kein Ende. Auch schlägt sie wol einmal selbst das fortepiano und singt dazu ganz andächtig: ,O Hans! O Clas! Lange nicht bey Emma wesen!'"

Das sind so Momente. Wunderbare Literatur. Ein paar Jahre her, wohl wahr, aber ganz frisch. Und so deutsch!