Zürich - Daß aus Terroristen nun Tagungsreferenten werden, mit Namensschildchen, Mikrophon, Honorar und Fahrtkostenerstattung, ist erst mal gewöhnungsbedürftig. Ansonsten aber erleichtert es vieles. Im Scheinwerferlicht sitzen sie auf dem Podium, als wären sie in einer beliebigen Talk-Runde: Gabriele Rollnik, Karl-Heinz Dellwo, Knut Folkerts, Roland Mayer, dazu im Publikum Christine Kuby, Till Meyer und Lutz Taufer Menschen, deren Namen fast jeder mittelalte Bundesbürger auf Fahndungsplakaten der siebziger Jahre gesehen hat.

Wie ein Freundeskreis altlinker Lehrer sehen die Veteranen von der Roten Armee Fraktion (RAF) und der Bewegung 2. Juni heute aus, leger gekleidet, ernst und scheinbar in ewiger Diskussion leicht ergraut. Doch diskutieren konnten sie in den zurückliegenden Jahren gerade nicht. Sie saßen im Gefängnis, zusammen rund 116 Jahre lang. Die meisten leben erst seit kurzem wieder in Freiheit.

"Ich bin hier, damit unsere Geschichte nicht von denen definiert wird, die unter allen Umständen den Status quo erhalten wollen", ruft Knut Folkerts gleich zu Beginn in den Saal. Als Buback-Attentäter verurteilt, ist dies sein erster öffentlicher Auftritt seit der vorzeitigen Haftentlassung im Oktober 1995. Damit hat er Ton und Thema vorgegeben. "Zwischenberichte" heißt die Pfingsttagung zwar, tatsächlich geht es aber um die Bilanz einer abgeschlossenen Epoche. Die RAF kämpft nicht mehr um die Zukunft, sondern um die Vergangenheit. Nicht mehr mit Maschinengewehren, sondern mit Worten.

Mit vielen Worten. Gerade sind die ersten Autobiographien erschienen, darunter jene von Inge Viett, die sich zugedeckt sieht vom "schweren purpurnen Siegerteppich dieser Zeit" und deshalb fragt: "Müssen erst Generationen vergehen, bevor ein Stück authentischer Gegengeschichte ertragen wird?" Nichts gegen Biographien, entgegnet nun Folkerts, "aber am Ende einer Bewegung kann man nicht nur persönliche Geschichte erzählen. Da fehlt die analytische Ebene, die Kritik am Konzept der Stadtguerilla."

Zusammen mit Lutz Taufer und Karl-Heinz Dellwo, den beiden Botschaftsbesetzern von Stockholm 1975, hatte Folkerts vor fünf Jahren ein Gewaltmoratorium verkündet und damit geholfen, das Ende der RAF herbeizuführen. Jetzt, zwanzig Jahre nach dem Deutschen Herbst, wollen die drei - und mit ihnen eine Handvoll Exmilitanter - eine Bestandsaufnahme. Deshalb sind sie zum ersten öffentlichen Klassentreffen der ehemaligen Linksterroristen gekommen.

In Zürich, auf dem neutralen Grund der "Roten Fabrik", findet es statt; welche deutsche Stadt hätte sich schon getraut, die Vergangenheitsbewältigung der RAF mit kommunalen Geldern zu fördern? Die Auslandsreise hat freilich nur der harte Kern der Unterstützerszene mitgemacht, das verleiht der Veranstaltung einen heimeligen Charme. Publikum und Podium verständigen sich im erprobten Kauderwelsch. Von Terroristen ist nicht die Rede, allein vom "bewaffneten Widerstand"; der Weg in den Terrorismus heißt hier "Aufbruch" oder "Politisierung" oder "Radikalisierung"; Anschläge hat es nie gegeben, nur "Aktionen", wahlweise "Befreiungsaktionen" (Entführungen) oder "Enteignungsaktionen" (Banküberfälle). Wie angestaubte Kulissen einer vergangenen Zeit stehen diese Sprachattrappen herum. Zu bedeuten haben sie nichts mehr. Die Gedanken sind längst weitergezogen.