Das Volk wird immer dicker. Warum bloß?
Übergewicht folgt nicht nur aus Völlerei. Ist Fettsucht eine Hirnerkrankung?
Den Dicken gehört die Zukunft. Weltweit wachsen sie an Umfang und Zahl, allem Diätgeflüster, allen ärztlichen Ermahnungen und allen gesellschaftlichen Diskriminierungen zum Trotz. In den Vereinigten Staaten gelten bereits sechzig Prozent aller Erwachsenen als übergewichtig. Bei den Deutschen plumpsen "erst" vierzig Prozent in diese Kategorie, doch sie holen auf. Den zahlenmäßig größten Anstieg verbuchen jedoch die Dicken in vielen Ländern der Dritten Welt.
Die historisch einmalige Zunahme an Fettleibigen (Adipösen) führt zu einem Schwall von Folgekrankheiten des Übergewichts, als da sind Herzinfarkt, Schlaganfall, Bluthochdruck und Diabetes mit Augen-, Nerven- und Nierenschäden. Allein in den USA erfordere die Bekämpfung der Fettsucht und ihrer gesundheitlichen Folgen bereits einen jährlichen Aufwand von rund fünfzig Milliarden Dollar, hieß es auf einem Symposium in Lübeck. Mehr als viertausend Hormon- und Diabetesexperten aus aller Welt waren Mitte Mai einer Einladung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) und der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) gefolgt, um über die beiden wichtigsten Stoffwechselkrankheiten und deren Gemeinsamkeiten zu diskutieren: Adipositas und Diabetes.
Welche Folgen die Fettsucht allein beim Diabetes erwarten läßt, verdeutlichte DDG-Präsident Wolfgang Kerner: "Bei mehr als neunzig Prozent der Diabetiker liegt ein sogenannter Typ-II-Diabetes vor, der sich in der Regel erst nach dem vierzigsten Lebensjahr manifestiert und meist bei Übergewichtigen auftritt", konstatierte er. "In Deutschland sind bereits etwa vier bis fünf Millionen Menschen zuckerkrank. Man sagt für Europa einen Anstieg von fünfzig Prozent, weltweit sogar eine Verdoppelung der Zahl der Diabetiker bis zum Jahr 2010 voraus. Die stärkste Zunahme wird für Afrika mit 250 Prozent erwartet."
Wo gewaltige Schäden entstehen, da herrscht auch rege Suche nach den Ursachen und Schuldigen. "Viele Ärzte waren bisher der Meinung, daß es bei der Fettsucht genüge, die Patienten zu ermahnen und zu belehren", meinte der Präsident der Lübecker Tagung, der Endokrinologe Horst Lorenz Fehm. "Inzwischen ist klar, daß es sich um eine überwiegend angeborene Erkrankung handelt, wobei die primäre Störung wahrscheinlich im Zentralnervensystem sitzt." Fehm verwies dabei auf das vor zwei Jahren entdeckte Eiweißhormon Leptin, das vom Fettgewebe produziert wird und dem Gehirn mitteilt, ob genügend Fettreserven vorhanden sind. Vieles deutet inzwischen darauf hin, daß das Hirn mit zunehmendem Alter unempfindlicher wird für Leptin und andere hormonelle Signale, die Sättigung signalisieren. Ist Leibesfülle also Ausdruck schicksalhafter Hormonstörung und nicht willensschwacher Gefräßigkeit?
Als Jeffrey Friedman von der New Yorker Rockefeller University Mitte 1995 berichtete, er könne mit Leptin fettwanstige Mäuse binnen kurzem auf mager trimmen, schien der Fall klar: Dicksein beruht auf Leptinmangel. Voreilig feierten viele die Schlankheitspille der Zukunft. Doch alsbald folgte die Ernüchterung. Messungen an beleibten Menschen ergaben, daß diese nicht zu geringe, sondern eher erhöhte Leptinwerte im Blut aufwiesen. Der Traum vom gewichtregulierenden Hormon war vorerst geplatzt.
Weil aber viele Wissenschaftler und Pharmafirmen mit Schlankmachern auf fette Gewinne hoffen, boomt die Forschung weiter. Zunehmend zeichnet sich ab, daß eine Fülle von Hormonen den Energiehaushalt und damit auch die Fettreserven beeinflußt. Dabei scheint das Leptin eine ähnlich gewichtige und verzwickte Rolle für den Fetthaushalt zu spielen wie das Insulin für den Zuckerhaushalt. Zudem sind Fett- und Zuckerregulation miteinander verflochten.
Wie Jose Caro von den Lilly-Forschungslaboratorien in Indianapolis (USA) erklärt, schwankt der Leptinspiegel im Blut erheblich. So unterliegt er einem ausgeprägten Tag-Nacht-Zyklus. Sein Maximum erreicht er während des Schlafes. In Fastenzeiten sinkt er, damit steigt auch der Hunger. Ferner steigt mit zunehmendem Körperfett der gemittelte Leptinspiegel. Aber warum sind dann Dicke oft so verfressen?
- Datum 23.05.1997 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1997
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