Vor siebzehn Jahren waren wir dreißig um die Zwanzig und träumten von der wirklichen, der großen Karriere am Theater. Grund zum Träumen hatten wir: Waren wir doch ausgewählt unter Hunderten von Bewerbern und aufgenommen in die drei Schauspielklassen des Mozarteums in Salzburg. Das war schon was, und so fühlten wir uns. Talentiert und wichtig.

Begabt waren wir wohl alle, mehr oder weniger, und unerfahren auch, spielverliebt und des festen Glaubens, unser Talent werde uns an die großen Bühnen dieser Welt bringen, kleine Umwege über Augsburg oder St. Pölten einkalkuliert. Selbst das größte Talent, das wußten wir, braucht Zeit, sich zu entwickeln. Aber natürlich sollten diese Orte nur Sprungbrett sein für die großen Ziele, die hießen München, Hamburg, Berlin, Wien.

Ich glaube nicht, daß wir übergeschnappt waren. Es ist nur so, daß man diesen Beruf nicht ernsthaft beginnen kann mit der Überzeugung, das eigene Talent reiche nicht weiter als für die Rolle der Tante im Weihnachtsmärchen am Landestheater von Bruchsal.

Der großen Kunst wollten wir dienen, und die große Kunst hatte uns verdient. Ja, so dachten wir damals.

Der Alltag sah etwas anders aus. Die erste Lektion, die wir zu lernen hatten, hieß: Schauspielschüler küssen und umarmen sich immer und überall. Die Großen führten es uns vor. Wir verliebten uns alle erst mal kreuz und quer, rauchten, was die Schachteln hergaben. Als ein Jahr später der neue Jahrgang ins Haus stand, präsentierten wir uns ihnen stolz als fortgeschrittene Schauspielschüler.

Statt auf der Bühne Schiller und Shakespeare zu deklamieren, mußten wir freilich erst einmal das Handwerk lernen. Fechten, steppen, singen. Bälle durch die Luft werfen und fangen, wo keine waren.

Mit geschlossenen Augen Kollegen an den Händen erkennen. Was das alles mit der großen Kunst zu tun haben sollte, erschloß sich uns sehr langsam. Wir wollten auf die Bühne. Als man uns endlich, endlich ließ, dauerte es nicht lange, bis wir begriffen, daß eine schwarze Bühne der einsamste Ort der Welt sein kann.