Jeden Tag schauen Enrico Savini beim Arbeiten mehr als ein Dutzend Berühmtheiten des Musiklebens über die Schulter: Giuseppe Verdi ist darunter, Anna Moffo, Renata Tebaldi. Das Bildnis Luciano Pavarottis indes fehlt noch in Savinis Photogalerie. Dafür kennt der Direktor der Thermen von Tabiano den gewichtigen Tenor persönlich recht gut. "Er kommt regelmäßig zu uns zur Kur", erzählt der Hals-Nasen-Ohren-Spezialist.

Wie seine Sangeskollegen schätzt Pavarotti das Wasser Tabianos. Der in die Hügellandschaft der nördlichen Emilia-Romagna gebettete Kurort gilt seit dem vorigen Jahrhundert als die "Kapitale des Schwefels". Seine Quellen weisen weltweit die höchsten Anteile an schwefelhaltigem Wasserstoff auf. Für Menschen mit überstrapazierten Stimmbändern, Bronchialleiden, Atemwegsbeschwerden und Emphysemen verheißt das hochkonzentrierte stinkende Naß aus Tabianos Erde Hilfe. Auch bei Hautkrankheiten wirkt es heilend.

Rund 50 000 Patienten kommen im Durchschnitt jährlich nach Tabiano zur Behandlung, inhalieren das Sulfat-Kalk-Schwefel-Wasser, lassen es in Rachen, Nase und Gehörgänge applizieren. Mehr als zehn Prozent der Kurenden sind unter achtzehn Jahre alt, denn die Thermalklinik von Tabiano, die seit ihrer Einweihung 1959 gerade zum zweiten Mal großzügig erweitert wird, beherbergt auch das international größte Zentrum für kindliche Ohrenheilkunde.

Kommt die Rede auf Tabiano, wird im gleichen Atemzug meist auch Salsomaggiore genannt. Oder umgekehrt. Die beiden kleinen Thermalorte liegen nur knappe vier Kilometer voneinander entfernt und ergänzen sich zudem prächtig hinsichtlich ihrer Wässer. Ihr Renommée als Kurdestinationen verdanken sie denselben Personen: Herzogin Marie Louise von Österreich und Lorenzo Berzieri, seines Zeichens Arzt und Forscher.

Die Herzogin, Tochter des österreichischen Kaisers und zweite Gattin Napoleons, kam, nachdem man ihr beim Wiener Kongreß die Herzogtümer Parma, Piacenza und Guastalla zugesprochen hatte, am 8. September 1837 auf Einladung des Ortspfarrers Jacobo Calestani erstmals nach Tabiano. Der umtriebige Priester wollte seine Landesherrin bekannt machen mit den "stinkenden Wässern", an deren wertvolle Eigenschaften er hartnäckig glaubte. Er hoffte, sie werde die Gelegenheit ergreifen, durch die Förderung der Quellen von Tabiano ein Zeugnis ihrer weisen Regentschaft zu hinterlassen.

Calestanis Plan ging auf. Marie Louise setzte eine medizinische Kommission ein, um die Zusammensetzung des Wassers und seiner Wirkungen zu klären.

Außerdem erhielt die Gemeinde dank der Herzogin ein Stück Land unterhalb der mittelalterlichen Burg von Pallavicini zum Geschenk, auf dem 1841 die erste Kuranstalt Tabianos errichtet wurde. Zu ihrem Direktor berief man Lorenzo Berzieri, den Gemeindearzt von Salsomaggiore.