Mangel an radikaler Konsequenz kann Böses mildern wie Gutes behindern - oder auch zwischen beidem peinliche Verwirrung stiften. Liegt es daran, daß über ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Faschismus vergangen ist, ohne daß italienische Historiker die dramatische Geschichte der epurazione, des Großreinemachens, der Abrechnung mit dem Mussolini-Regime, gründlich erforscht und dargestellt haben? Und daß ebendies nun einem deutschen Historiker der Nachkriegsgeneration gelungen ist?

Hans Woller, Chefredakteur der Vierteljahrhefte für Zeitgeschichte in München, legt hier das Ergebnis seiner zehnjährigen Arbeit in italienischen, amerikanischen und britischen Archiven vor.

Es ist auch die Frucht einer unbefangenen Erkenntnis: daß die Verschiedenheit italienischer von deutscher Mentalität nicht nur das faschistische Repressionssystem weniger totalitär werden ließ als das nationalsozialistische, sondern dann auch die antifaschistische Säuberung - anders als die Entnazifizierung - zu einer meist chaotischen "Roßkur" machte, nach der sich das Land "für geheilt erklärt und jede Nachbehandlung kategorisch abgelehnt" hat. Nur Vergangenheitsbewältigung also auf italienisch?

Schon von der damaligen Gegenwart verabschiedete sich Italien auf eigene Weise. Durch einen unblutigen Staatsstreich trennte es sich mitten im Krieg, 1943, rechtzeitig von seinem "Duce".

Dessen Marschall Badoglio und der König erhielten nach dem Frontwechsel von den westlichen Alliierten im besetzten Süditalien eine Gnadenfrist, während im Norden der Faschismus in der "Republik von Salò" noch einmal kurz auferstand, um bald in bürgerkriegsartigem "wilden Abrechnungsfuror" unterzugehen. Statt dem gefangenen Mussolini - und der eigenen Verstrickung der Nation - den Prozeß zu machen, wurde die Leiche des ohne Urteil Erschossenen der Volkswut überantwortet und dies in "Volksfeststimmung, die freilich immer wieder in archaische Raserei umschlug . . . Einige Frauen genierten sich nicht einmal, über dem toten Duce ihre Notdurft zu verrichten."

Woller schätzt, daß im wilden Abrechnungstaumel, den "die italienische Geschichtsschreibung aus Rücksicht auf den strahlenden Mythos der Resistenza bis heute weitgehend ignoriert", bis 1946 10 000 bis 12 000 Menschen - auch unschuldige - getötet wurden. Zugleich gab es allerdings auch - anders als in Deutschland - etwa 20 000 bis 30 000 meist schnelle, doch ordentliche Gerichtsverfahren gegen Verantwortliche des alten Regimes, eine gewisse Säuberungswelle im öffentlichen Dienst und schließlich ein, wie Woller meint, "überstürztes Ende" der Säuberung durch eine Amnestie-Gesetzgebung und den "erzwungenen Rückzug" der Alliiertenkommission aus der Position moralisch-bürokratischen Drucks.

Erzwungen nämlich von politischer Opportunität. Und zwar nicht nur, weil eine weitere Säuberung in den Augen amerikanischer und britischer Strategen die Einbindung Italiens ins westliche Bündnis gestört hätte, auch weil die Geburtswehen der italienischen Nachkriegsdemokratie nur durch gewisse Schonung und - Schläue zu besänftigen waren.