Man muß sich in Venedig wie ein Thomas Mann in München darauf gefaßt machen, daß alle Gassen von Touristen verstopft sind. Eingekeilt zwischen Rucksackmenschen und knipsenden Gaffern, neigen Besucher der Biennale schon mal zur Panik; denn Venedig kann ein Alptraum sein. Es ist die Perversion der Idee von Freizeit, welche Positives bringen sollte, aber oft das Gegenteil zur Folge hat.

"Corte Sconta", Castello, 3886 Calle del Pestrin. Tel. 0039-41/522 70 24, So u. Mo geschl. Nicht weit von Al Covo entfernt und natürlich nicht leicht zu finden, weil in Venedig nichts leicht zu finden ist, liegt diese authentische und unverdorbene Trattoria, die von Trattoriensammlern in aller Welt als Geheimtip gepriesen wird. Der äußere Eindruck ist wirklich herzerwärmend. Die Tische sind nackt, die Wände kahl (aber frisch gestrichen), ein kleiner mit Weinlaub überrankter Garten mit Betontischen und knallroten Stühlen bestätigt die romantischen Vorstellungen der Besucher von echter Folklore. Hinzu kommt das Fehlen einer Speisekarte, was Rita mit dem griechischen Profil Gelegenheit gibt, an jedem Tisch ihre schwarzen Augen glühen zu lassen, während sie die Gäste berät und Bestellungen aufnimmt. Danach ist der Rest fast nicht mehr wichtig. Doch sie kochen hier wirklich nicht schlecht; der Rustikalität des Ortes entsprechend, jedoch weder verfeinert noch interessanter als sonstwo. Und kaum billiger.

Es ist ja kein Geheimnis, daß ein Essen in Venedigs Kleinrestaurants keineswegs billig ist. Das kann es auch nicht sein, wenn hohe Qualität geboten wird. Im "Corte Sconta" sind die Fische und das Meeresgetier, die Nudeln und Suppen und alles andere frisch gemacht sowie herzhaft gewürzt. Aber auch ein bißchen eintönig salzig. Nicht versalzen, doch wenn man das Essen durstfördernd nennt, hat man es ziemlich genau beschrieben. Das ist besonders schade, weil die kleinen Rotbarben perfekt gebraten sind, die Tintenfische die richtige Konsistenz und sogar die Meeresheuschrecken ein Aroma haben. Nur schmeckt alles sehr ähnlich. Deshalb ist es egal, was man bestellt; es wird gut sein. Nur im Salat stört der bittere Radicchio, und die Desserts taugen einfach nichts. Den offerierten Prosecco sollte der Kenner stehenlassen. Die Weinkarte ist nicht übermäßig groß, verzeichnet aber einige gute Flaschen, worunter der (überschätzte) Chardonnay von Ca' del Bosco eine Sonderstellung einnimmt, weil hier die Flasche für siebzig Mark zu haben ist, die woanders fast das Doppelte kostet.

"Vino Vino", San Marco 2007, am Ponte della Pelle. Tel: 0039-41/523 70 27, Di geschl. Das ist die kleine Kneipe für den großen Durst. Sie ist dem benachbarten "Antico Caffè Martini" angeschlossen, dessen Weinkeller zu kleinen Preisen die Schlucker beliefert. Es gibt auch etwas zu essen, warme Kleinigkeiten, die vorne an der Theke zu besichtigen sind und erfreulich gut schmecken. Am schönsten ist es am späten Abend, wenn gleich hinter der Tür die Spezis Karten legen oder ihren Liebeskummer in Sauvignon ertränken. (Durchgehend geöffnet.)

"Al Bacco", Cannaregio 3054, Tel. 0039-41/71 74 93, Mo geschl. Hier, endlich, ist es wirklich authentisch, aber es ist nicht dort, wo der Kunstfreund die Avantgarde sucht. Man fährt mit dem Vaporetto bis Marcuola und läuft noch zehn Minuten in nordwestlicher Richtung. Die Osteria "Al Bacco" ist von rührender Primitivität mit schlichten Holztischen und -wänden, die gelb und braun gestrichen sind. Eine geheimnisvolle Messingstange zieht sich links an der Wand entlang, rechts ist eine Theke und im dunklen Hintergrund eine Tür zum Minigarten. Vieles, was die abgegriffene Speisekarte verspricht, ist oft nicht vorrätig, dafür kriegt man schon mal etwas vorgesetzt, was man nicht bestellt hatte. Vorspeisen gibt es immer nur für zwei Personen, als Hauptgericht wird ausschließlich Fisch serviert. Zwar gibt es eine Rubrik für weiße Trüffeln, doch dafür muß man im Spätherbst wiederkommen. Von den Süßspeisen läßt man besser die Finger; sie sind erbarmungslos konfektioniert. Alles andere wird frisch gemacht, so daß man sogar auf eine Tomatensauce zu den Tagliatelle lange warten muß. Fische werden vorzugsweise gegrillt, das aber professionell, und der Salat ist sorgsam verlesen. Die Weinauswahl entspricht der Schlichtheit des Ladens, welche sich endlich einmal auch auf die Preise auswirkt. Und irgend etwas an der Art, wie Bilder und Lampen aufgehängt sind, läßt vermuten, daß sich hinter allem mehr verbirgt als pure Armut.

Einen hübscheren Garten und etwas mehr Romantik findet man unter der Hausnummer 2800 hundert Meter östlich in der "Antica Mola".