Nicht Sinn, sondern Unsinn bringt Quote. Zu diesem Fazit muß man bei der Betrachtung des Fernsehprogramms unweigerlich kommen. Es gibt "Lachparaden" und "Kinderquatsch mit Michael", die witzigsten Nachrichten der Welt (Sat.1), verrückte Wetten um jeden Preis und Comedy-Talk, "wo voll gut ist" (RTL). Da diese Sendungen sich selbst als Blödelei, Gequatsche und großes Plappern anpreisen, bleibt der Kulturkritik nichts mehr zu tun. Und auf Adornos Satz, Fun sei ein Stahlbad, würde die Nonsens-Kultur wohl antworten: So what? Oder, um es mit Jürgen von der Lippe zu sagen: "Wat is?" (ARD). Hier geht es um eine Form der Befriedigung, die schwer zu hinterfragen ist, denn Lachen ist begründungsunbedürftig. Man kann nur versuchen, die Fernsehlachmaschinen genauer zu beobachten.

In der Financial Times (!) hat sich zu Jahresanfang ein kluger Kopf gefragt, warum sich die Deutschen alljährlich einen englischen Sketch anschauen, den kein Engländer kennt: "Dinner for One". Mit E- oder U-Kultur hat das offenbar sehr wenig zu tun, sehr viel aber mit Kult. Wie Kinder immer wieder dieselbe Geschichte im selben Wortlaut hören wollen, so spricht man beim vierzehnten Besuch in "Rick's Café" die Sätze von Humphrey Bogart mit. Es geht um die Lust am bedeutungsfreien Ritual, in dem die Zuschauer sich selbst feiern. Wenn in der neuen, immer gleichen, zum Beispiel 87. Folge der "Dicken Kinder von Landau" die Pünktchen der Zauberformel "Mama, 's . . ." durch ein beliebiges Füllsel ersetzt werden, resultiert kein Witz. Genauer gesagt: Der Witz ist, daß es immer wieder geschieht - und daß man weiß, daß nichts Witziges kommen wird. The same procedure as every day, das absurde Ritual - das ist "Kult".

Es ist bekanntlich eine der peinlichsten Alltagssituationen, wenn man einen Witz zu hören bekommt, den man nicht versteht. Das erspart uns gnädig die Comedy des Fernsehens. Hier wird man nicht durch Witze auf die Folter gespannt, um dann auf die scharfe Pointe mit befreiendem Gelächter zu reagieren. Eher könnte man sagen: Comedy habitualisiert ein Grinsen, ein Kichern. Ihr Medium ist der Witz mit verschliffener Pointe. Oder, um es positiv auszudrücken: Die Blödelei ist der von Pointen verschonte Witz; hier gibt es nichts zu verstehen.

Der aggressive Bruder der Blödelei ist der Kalauer: der Witz, der so schlecht ist, daß er weh tut. Seit die E-Kultur Peter Handkes Publikumsbeschimpfung zur Norm des staatlich subventionierten Theaters erhoben hat, müssen Entertainer zu härteren Drogen greifen - und da hat sich die Publikumsverarschung als probate Technik erwiesen. Man beutet den Masochismus des Publikums aus; intellektuell gequält zu werden kann auch eine Lust sein. Es gibt nämlich gute und schlechte schlechte Witze. Und das Geheimnis der NonsensKultur lautet: Besser als ein guter Witz ist ein guter schlechter Witz. Ich werde gleich erklären, warum.

Zunächst einmal müssen wir aber versuchen, unser Thema einzugrenzen, gewissermaßen den Sinnhorizont des Unsinns abzustecken. Der Sinn des Unsinns spielt zwischen den beiden Grenzwerten der Reflexivität des Humors und der Faszination der Dummheit. Ganz oben auf der Erhabenheitsskala des Unsinns steht natürlich Loriot, der Meister des gepflegten Nonsens. Seit Jahrzehnten liefert er die geschmackvollen Grotesken einer E-Kultur, denen sogar der Skeptiker Odo Marquard ausdrücklich seine philosophische Zustimmung erteilt. Das ist Unsinn als schöne Kunst betrachtet. Loriot ist aber für die aktuelle Nonsens-Kultur nicht repräsentativ; er hat zuviel Geschmack.

Ein paar Stufen tiefer treffen wir auf Otto, der mit einigen seiner schon klassisch gewordenen Nummern die Perfektion des Blödelns erreicht hat. Man erinnere sich nur an das grandiose "Wort zum Sonntag": "Theodorant"; das war die Entlarvung des protestantischen Jargons der Eigentlichkeit und Betroffenheit in drei Minuten Familienfernsehen. Ein schöner Fall von Nonsens als Aufklärung. Aber wohlgemerkt: Nicht jeder Unsinn ist witzig - und damit geistvoll. Wer blöd ist, kann nicht blödeln. Sinn bekommt der Unsinn erst dadurch, daß er als Darstellungstechnik gebraucht wird - nämlich zur Darstellung des Unsinns im offiziellen Sinn. Wenn etwa Patrick Bahners im Feuilleton der FAZ (!) Jürgen Habermas zum Sepp Herberger der Diskursethik adelt: "der Tisch ist rund".