Arbeit auf eigene Gefahr

Hinter der unternehmerischen Freiheit verbergen sich oft neue Spielarten der Ausbeutung

Oft setzt sich Karsten Wieland gleich morgens im Schlafanzug an den Computer. Und wenn seine Frau abends nach Hause kommt, kann es sein, daß sie ihn daran erinnern muß, endlich unter die Dusche zu springen. Der 31jährige entwirft als Selbständiger Computerspiele - und er liebt seine Arbeit.

Fünfzehn bis sechzehn Stunden am Tag sind für ihn normal, nicht selten sechs oder sieben Tage in der Woche. Probleme mit der Motivation hat er nur, wenn er sich dazu zwingen muß, zum Sport zu gehen. Er vergißt die Zeit, wenn er am Zeichentisch oder vor dem Computer sitzt und mit seinem Hobby Geld verdient.

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Derzeit hat er eine Grippe und erklärt: "Mir geht es nicht gut, aber arbeiten muß ich trotzdem" - das Los der Terminaufträge. Traurig macht ihn das nicht.

Wieland lebt und arbeitet in seiner großen Wohnung in Hamburg. Er könnte an vielen Orten wohnen. Ein Viertel der Zeit ist er zwar bei Kunden unterwegs, den Rest kommuniziert er aber nur mit Telephon und Computer. Und der Heimarbeiter hat Erfolg: Eine führende Fachzeitschrift feierte ihn gerade als einen der vielversprechendsten deutschen Entwickler von Computerspielen.

Auf seinem ungeraden Berufsweg hat Wieland es fast geschafft. Das Graphikdesignstudium in Essen brach er ab, weil es ihn nicht wirklich weiterbrachte. Sein Professor verhalf ihm noch zu Aufträgen als Comiczeichner, die dann aber schnell wegfielen. Ein neuer Kunde kam, und seit fünf Jahren entwirft er nun die digitalen Spiele.

Karsten Wielands Alltag könnte für andere Erwerbstätige zum Modell werden.

Denn die Zukunft der Arbeit bedeutet vor allem eines: mehr Selbständigkeit.

Geht es um neue Formen des Broterwerbs, steht das Unternehmertum in eigener Sache fast immer obenan - gleich nach der Klage darüber, daß Deutschland nahezu doppelt so viele Staatsdiener wie Selbständige hat.

Gerade hat Wieland mit einem Programmierer und einem Marketingexperten die Firma New Generation Software gegründet. Ihr aktuelles Produkt ist ein Erlebnisspiel über den Aufbau eines Erotikfilmstudios. Der Spieler kann per Mausklick in den meisten Spielszenen virtuellen Geschlechtsverkehr auslösen, doch zudem hält Wieland seine Software für die gelungene Simulation einer Firmengründung, viel besser als der "übliche Pornoschund". Wenn sein Produkt richtig gut laufe, meint er, könne es ihm eine Million Mark einbringen.

Dieser Durchbruch ist ihm mit einem anderen Spiel versagt geblieben, weil beteiligte Programmierer sich hoffnungslos übernommen hatten und das Produkt erst zwei Jahre später als geplant auf den Markt kam - in dieser Branche eine Ewigkeit.

Langfristig absichern könne er sich in seiner Situation nicht, sagt Karsten Wieland. Gerade wenn es ihm dreckig ging, kamen lukrative Anstellungsangebote ins Haus. Er fand sie nie verlockend, seine Frau schon. Lieber beansprucht er dann ein halbes Jahr lang den Dispokredit etwas stärker. Wieland spart auch nicht für schlechte Zeiten, sondern steckt das meiste Geld in neue, größere Projekte. Vom Rentensystem hält er ohnedies nicht viel, und überhaupt scheut er monatliche Verpflichtungen.

Vor kurzem lud ein zufriedener Kunde Karsten Wieland für zwei Wochen in sein Haus auf einer kleinen Karibikinsel ein. Das hat ihm gefallen. Wenn das neue Spiel genug einbringt, will er in der Karibik einen "Alterswohnsitz" kaufen und zumindest zeitweise dort leben und arbeiten. Zugänge zum weltweiten Computernetz gibt es schließlich überall. Den deutschen Steuer- und Abgabenstaat würde er wohl kaum vermissen: "Ich hoffe", so Wieland, "daß ich hier nicht mehr lange mitmachen muß."

Als Allrounder, sagt er nicht eben bescheiden, sei er kaum zu schlagen, aber für jede einzelne Aufgabe gebe es bessere. Wieland ist ein Autodidakt, der stets die zu kopieren versucht, die er für die besten hält - die Graphiker von Walt Disney etwa oder die Trickfilmsequenzen von "Star-Wars"-Schöpfer George Lucas. Auf keinen Fall will er wie andere immer wieder das gleiche machen: "Da könnte ich gleich Angestellter sein."

Seine Freunde sind ebenfalls durch die Bank freelancer, die spontan ausgehen, keine Partys oder langfristigen Verabredungen planen. Anders ginge es gar nicht. Für die Generation seiner Eltern seien Vorsorge und Sicherheit noch viel wichtiger gewesen. Doch jetzt täten auch der Gesellschaft mehr Selbständige gut: "Die Arbeitsmotivation wäre dann besser."

Die Theorie besticht: Wer selbständig ist, kann zum eigenen Nutzen und dem der Kunden seine Arbeit flexibel und meistbietend verkaufen. Das ermöglicht Freiräume, von denen ein Angestellter nur zu träumen vermag. Ob Programmiererin oder Buchhalter, ob Unternehmensberaterin oder Schreibkraft: Gerade in modernen Dienstleistungsberufen kann sich der einzelne ohne allzu hohe Investitionen auf eigene Beine stellen.

Die Praxis ist nicht ganz so bestechend. Niemand weiß, wie viele sich aus eigenen Stücken auf das Wagnis einlassen und wie viele ein Angebot bekommen, das sie mangels echter Alternative nicht ablehnen können. Jedenfalls sind rund eine dreiviertel Million Menschen scheinselbständig. Sie müssen sich ganz nach ihrem "Kunde" genannten Arbeitgeber richten, weil sie von ihm abhängig sind. Weder Zeit noch Ort oder Menge der Arbeit können sie bestimmen oder auch nur verhandeln.

Manfred Hartmann zum Beispiel war alles andere als ein gleichberechtigter Geschäftspartner. Heute sitzt er den ganzen Tag in seinem kleinen Einfamilienhaus in einem Vorort von Aachen - fast so, als wäre er eingesperrt. Das Unternehmertum ist dem 36jährigen schlecht bekommen: Ob sein Heim noch lange ihm und seiner Frau gehört, weiß er nicht. Der Kuckuck lauert schon auf seine einzig verbliebene Habe. Auf der Sollseite der Familie Hartmann stehen 270 000 Mark Schulden.

Vor fast eineinhalb Jahren stieg Manfred Hartmann aus als Fuhrunternehmer für den Deutschen Paket Dienst (DPD), einem privaten Zusammenschluß vierzehn mittelständischer Logistik- und Transportfirmen. Seither kämpft er um Wiedergutmachung für sein Schicksal, das der DPD seiner Ansicht nach verschuldet hat. Er verfaßt Schriftsätze, studiert Gesetze, Verordnungen, Urteile. Manchmal fällt ihm dabei die Decke auf den Kopf: "Ich habe Angst ohne Ende."

Angst vor der Pfändung, vor den undurchsichtigen Wegen Justitias, Angst um die Zukunft seiner zwei Kinder von elf und neun Jahren und Angst vor den rüden Methoden seines ehemaligen Auftraggebers. Sogar ein Mann, der sich fälschlich als Journalist ausgab, habe ihn ausspionieren wollen, sagt er. Und dazwischen immer wieder Hoffnung auf die Justiz, Hoffnungauf einen Musterprozeß: Er klagt darauf, als Scheinselbständiger anerkannt zu werden, den der Paketdienst de facto abhängig beschäftigte. Und er verlangt von der Firma deshalb mehr als eine halbe Million Mark als Ausgleich der Risiken, die er als Arbeitnehmer nicht hätte tragen müssen. Doch statt eine Verhandlung anzuberaumen, haben die zuständigen Richter den Fall kürzlich erst einmal getrennt - die Statusfrage geht ans Arbeitsgericht, der Ersatzanspruch ans Landgericht. Zudem habe sein Anwalt unter dubiosen Umständen die Brocken hingeschmissen, klagt Hartmann.

Für ihn hat die Ungerechtigkeit System: "Die großen Unternehmen werden immer größer, die kleinen Leute immer ärmer. Ich sehe schwarz für Deutschland."

Einer der DPD-Chefs habe sogar das Bundesverdienstkreuz, fügt er bitter hinzu.

Wie Hartmann kommen viele Fuhrunternehmer in dem harten Paketgeschäft nicht vom Fleck. In der Hoffnung auf Selbständigkeit unterschreiben sie Verträge, die ihnen alle Risiken und Kosten aufbürden. Nur wer kalt rechnet und sich seinerseits schnell Subunternehmer heranzieht, mit denen er ähnlich rigoros verfährt, kommt auf die Überholspur.

Begonnen hat Manfred Hartmann als Schichtarbeiter bei Philips. Weil sein Rücken nicht mehr mitmachte, begann er zu fahren. Anfang 1991 schließlich ging er auf eine DPD-Annonce ein und wurde Unternehmer - so dachte er jedenfalls. Ein Jahr lang hat er "in Ruhe gearbeitet, dann kamen die Rechnungen". Nicht nur der Lieferwagen kostete Geld, nicht nur die eigenen Versicherungen, nicht nur Leistungen des DPD. Bei der kleinsten Verfehlung kassierte der von seinem Subunternehmer auch ein hohes Bußgeld. Ein nicht ausgeliefertes Paket konnte den selbständigen Fahrer dann schnell 5000 Mark kosten, und auch wenn der Empfänger eines Pakets nicht ordnungsgemäß unterzeichnet hatte oder die Lieferzeit auf dem Beleg fehlt, mußte der Transporteur tief in die Tasche greifen.

Dennoch expandierte er schnell. Erst hatte er eine Tour, dann zwei, schließlich vier. Neue Autos kamen hinzu, und Hartmann nahm zusätzliche Fahrer unter Vertrag. Auch seine Frau gab ihren sicheren Job im städtischen Krankenhaus auf und fuhr für die Familienkasse - mitunter mit kranken Kindern auf dem Beifahrersitz. Doch die Abrechnungen sahen nie so gut aus, wie Hartmann erwartet hatte, und Zahlungen vom DPD mußte er oft nachlaufen. Unter dem Dauerstreß drohender Strafen und neuer Verpflichtungen konnte er "gegen die nicht ankommen". Das Gefühl teilen viele Subunternehmer.

Hartmann fuhr von fünf Uhr früh bis sechs oder sieben Uhr abends und kümmerte sich dann um den restlichen Betrieb, 80-Stunden-Wochen waren üblich. Seine Frau war schließlich auch mehr als zwölf Stunden am Tag unterwegs. An freien Tagen wollten sich die beiden nur noch ausruhen. "Man machte alles nur noch mechanisch. Von der Kindheit der Kinder habe ich nichts gehabt", sagt Hartmann heute. Eigene Krankheiten ignorierte er, um nicht noch für teure Ersatzfahrer aufkommen zu müssen. Doch es half nichts: Je länger Hartmann fuhr, desto weniger hatte er. Und der DPD habe die Schulden genutzt, um Druck auf ihn auszuüben - "nach dem Motto: Du bist verschuldet, also mußt Du bleiben". Eigentlich zur Aufgabe entschlossen, ließ sich der verzweifelte Unternehmer mehrfach überreden zu bleiben. Erst im vierten Anlauf stieg er wirklich aus - und begann kurz darauf, sich gegen den Paketdienst zu wehren, dem er die Zerstörung seiner Existenz anlastet.

Ein Gewerkschafter, der Hartmann kennt, glaubt: "Der kämpft das durch." Auch mit Hilfe der Öffentlichkeit: Er war schon im Regionalfernsehen und hat RTL auf sich aufmerksam gemacht. Und im Juni trägt er sein Schicksal vor einem Bundestagsausschuß vor. Mitunter, sagt der gebeutelte Subunternehmer, riefen ihn andere scheinselbständige Fahrer an, um sich zu beraten. Verbreitung ist ihm wichtig: "Wenn das nur einer sieht, den ich damit rette, dann ist das schon was."

Manfred Hartmann hat das Risiko der Selbständigkeit unterschätzt. Andere haben gar keine Wahl. Sie müssen selbständig arbeiten - oder gar nicht. Wie Nomadenarbeiter gleichen sie, allzeit bereit, Engpässe für Unternehmen aus.

Wenn sie nicht wollen oder können, stehen Legionen anderer bereit.

Birgit Schulte gehört dazu. Der Name ist ein Pseudonym, das ihr zusagt. Sie will sich nicht verstecken, aber abhängige Selbständige finden sich schnell auf der Straße wieder oder werden Opfer anderer Repressalien. Anders als der aufstrebende Karsten Wieland und der abgestürzte Manfred Hartmann gehört die 29jährige Germanistin, die in zwei Hamburger Weiterbildungsschulen ihr Brot verdient, zur Mehrheit der neuen Selbständigen - ohne tägliche Existenzangst, aber auch ohne langfristige Absicherung oder die Chance auf eine stabile Karriere. Immer mehr Journalisten arbeiten so, Übersetzer, EDV-Fachleute, technische Zeichner oder eben Lehrer. Viele von ihnen haben nie eine andere Art des Broterwerbs kennengelernt.

An das Magisterstudium in Mainz und Hamburg hängte Birgit Schulte noch eine zwölfwöchige Ausbildung, und schon war sie im Weiterbildungsgeschäft.

Grundschul- oder Gymnasiallehrerin wollte sie auf keinen Fall werden: "Ich habe keine Lust, Kinder zu disziplinieren, und Noten würde ich auch nie geben wollen." Statt dessen lehrt sie Deutsch für Erwachsene, unter anderem für Aussiedler. Dort muß sie integrativen Unterricht geben, wie es im Pädagogenjargon heißt: Die Teilnehmer sollen lernen, in Deutschland zu telephonieren und einen Antrag bei der Bank auszufüllen.

Im Schnitt steht sie wöchentlich rund 25 Stunden vor ihren Schülern, die meist älter sind als sie. 16 Stunden bei einem Institut stehen vorerst fest, bei einem anderen bleibt sie auf Abruf bereit. Oft bekommt sie ihren Wochenplan dort erst am Montag. Die Schule hat keine Hemmung, sie auch 20 Stunden in einer Woche heranzuziehen, wenn gerade Not an der Frau ist. Dann ist das Monatsquantum, das sie dort nicht überschreiten darf, schon fast weg.

"Oft kann man da nicht absagen", meint die junge Lehrerin.

Gut 21 000 Mark verdient sie im Jahr - genug für eine Wohnung von dreißig Quadratmetern in der Stadt, nicht genug für ein Auto. Auf eine Festanstellung kann sie in ihrer Branche kaum hoffen. Und sie weiß auch nicht, ob sie sich von ihrer Selbständigkeit trennen wollte.

Sie ist krankenversichert, bekommt aber keine Lohnfortzahlung: "Noch bin ich gesund und jung. Und eine Erkältung zählt einfach nicht." Irgendwie leistet sie sich auch eine Lebensversicherung, die "mich etwas beruhigt". Ohnedies ist sie gut darin, "meine Zukunftsangst erfolgreich zu verdrängen".

Vielleicht auch, weil sie ihren Job für sinnvoll hält - um kurz danach zu betonen, daß Arbeit nicht der Platz für Sinnsuche sei, sondern bitter notwendiger Broterwerb.

"Wie ich mehr Geld verdienen könnte, weiß ich nicht", sagt Birgit Schulte, "Ärztin kann ich jetzt jedenfalls nicht mehr werden." Gleich darauf reagiert wieder die Systemgegnerin in ihr: "Und im übrigen habe ich auch keine Lust, Karriere zu machen." Statt dessen will sie endlich Rollerskating lernen, noch eine Sprache beherrschen und mehr Zeit zum Lesen haben.

Um nicht immer die gleichen Deutschkurse zu geben, stellt sie gerade einen Kurs in kreativem Schreiben zusammen - für einen ganz anderen Teilnehmerkreis. In dem will sie ein Gefühl für literarische Sprache wecken.

Sie macht das mit Enthusiasmus - und ist sich der Grenzen bewußt: "Kreativität an einem Platz auszuloten, an dem nun Rentabilität zählt, ist schon gegenläufig." Vielen Institutsleitern sei die Qualität der Lehre nicht mehr so wichtig: Hauptsache, die Gebühren kommen rein und zu Weihnachten werden die Prüfungen bestanden. Wenn ein Lehrer sich querlegt, ist Ersatz nicht weit. Als Konkurrenten mag Birgit Schulte die anderen aber nicht sehen: "Die können doch nichts dafür."

So macht sie mit in dem System, dessen Mechanismen sie nicht aus den Augen und nicht aus dem Bewußtsein läßt. Teils, weil sie muß, teils, weil sie will.

"Ich fühle mich schon als Selbständige", sagt

 
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