Ein Kartell wie aus dem Lehrbuch: Vierzehn Hersteller von Starkstromkabeln, dreiundzwanzig verantwortliche Manager und zwei Verbände - praktisch die gesamte Branche - haben jahrzehntelang den Markt unter sich aufgeteilt. Nun ließ das Bundeskartellamt den höchst wettbewerbswidrigen Kabelverein platzen. 265 Millionen Mark Bußgelder wurden verhängt. Das ist nicht nur die höchste Summe in der Geschichte des Berliner Amtes, die Strafe ist auch bereits rechtskräftig, das heißt, die Firmen werden keinen Einspruch dagegen erheben.

Die Beweise, die dem Kartellamt in die Hände fielen, hatte die Branche selbst geliefert. Zum Verhängnis wurde Firmen und Managern die eigene Akribie: Man traf sich regelmäßig, schanzte sich Markt- und Lieferanteile exakt bis auf die zweite Stelle hinterm Komma zu und führte penibel Buch darüber. Und selbst Sanktionen bei Zuwiderhandlungen wurden - deutscher geht es nicht - sauber dokumentiert.

Konkurrenz aus dem Ausland war nicht zu befürchten: Zu den Kartellkumpanen zählten auch Engländer und vor allem die französische Alcatel, die mit zahlreichen Tochterfirmen hierzulande Marktführer bei Starkstromkabeln ist.

Importe von weniger als fünf Prozent konnten die Kreise der Kartellbrüder da nicht weiter stören. Die einzige Anstrengung, die den Kabelmanagern abverlangt wurde, war denn wohl auch, die Reihen fest geschlossen und somit die Preise schön hoch zu halten - einfach traumhaft.

Traumhaft aber auch: Das Kabelkartell, das seit Jahrzehnten die Marktpreise diktiert hat, konnte nur deshalb so lange ungestört funktionieren, weil seine Kunden die überteuerte Ware klaglos abnahmen. Und da liegt der zweite Skandal dieses Kartellkrimis: Abnehmer von Starkstromkabeln sind neben großen Konzernen vor allem die großen Energieversorgungsun-ternehmen und Stadtwerke.

Und das sind samt und sonders Monopolisten in ihren Regionen und Gebieten.

Unter dem Schutz von Konzessions- und Demarkationsverträgen können die Stromanbieter weitgehend unkontrolliert ihre Energiepreise diktieren - den Kunden in Industrie, Handel, Gewerbe und privaten Haushalten bleibt keine Wahl. Sie müssen zahlen. Kein Wunder also, daß den Energieunternehmen das Preisdiktat der Kabelanbieter offenkundig nicht verdächtig wurde: Wer sich selbst nicht um Wettbewerb scheren muß, dem ist auch das Geschäftsgebaren seiner Lieferanten gleichgültig. Bezeichnend auch, daß es kein Energieunternehmen war, das den Kartellfall beim Berliner Amt angezeigt hat.