Reisen als Lebenskunst

Warum reisen wir? Ein Spezialist wie Heinz Hahn, der langjährige Leiter des Studienkreises für Tourismus, kann diese schlichte Frage mit der Aufzählung von sieben sozialpsychologischen Motivationstheoremen beantworten.

Fragt man einen Ökonomen nach dem Sinn des Reisens, wird er über Kaufentscheidungen dozieren. Galligen Kulturkritikern hingegen dünkt das Ganze verwerflich: Reisen ist unseriös, weil es Spaß macht. Es verblödet, statt zu bilden, und schädigt die Umwelt.

Kein Wunder, daß bis heute ein Radioessay, den der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger 1958 als "Theorie des Tourismus" veröffentlicht hat, zu den Fundamentalschriften wissenschaftlichen Nachdenkens über das Millionenphänomen gehört. In Gestalt der These, Urlaub sei eine mehr oder minder unerlaubte Flucht vor dem Alltag, bestimmt sie den öffentlichen und noch mehr den Herzensdiskurs. Die "Fluchtthese" ist der bittere Kern eines allgemeinen schlechten Gewissens, das jedes Jahr wieder millionenfach neu von dem Paradoxon genährt wird, daß jeder reist, keiner aber Tourist sein will.

Damit könnte Schluß sein, wenn sich die Betrachtungsweise durchsetzen sollte, die der Soziologe Christoph Hennig in dem Band "Reiselust" entwickelt hat.

Hennig kommt nicht aus dem Kreis der Tourismuswissenschaft. Seine Reiseleidenschaft hat er bisher, von einigen Aufsätzen (unter anderem in der ZEIT) abgesehen, als Reiseleiter und Autor von Reiseführern professionalisiert. Mit "Reiselust" ist es jetzt dem krassen Außenseiter auf Anhieb gelungen, eine höchst lesenswert formulierte Gesamtübersicht über das Phänomen Tourismus zu geben. Das Buch hat das Zeug zu einem Standardwerk.

Um Tourismus aus sich heraus zu verstehen, mußte Hennig einige heilige Kühe schlachten. Zunächst einmal hat er mit dem Vorurteil gegen die Touristen aufgeräumt, die immer die anderen sind. Mit leichtem Ekel zitiert er die Vergleiche, mit denen die Kulturträger ihre reisenden Mitmenschen von niederem (Bildungs-)Stand seit Jahrhunderten bedacht haben: Ameisen, Bakterien, Lemminge, die bisher unberührte Landstriche verpesten, besudeln und vergiften, so daß kein Edler, Denkender, Fühlender, kein Mensch also, sich dort aufhalten kann. Selbst ein sozialkritischer Aufklärer wie Tucholsky läßt die humanistischen Hosen fallen, wenn er über "vier Amerikanerinnen" in Paris spöttelt: "Sie sehen nichts und müssen alles sehen." Hennig erblickt in dieser Herablassung und in den daraus entspringenden Versuchen, sich als die wahren, als die alternativen, die erlebnisfähigen Reisenden aufzuführen, einen "symbolischen Kampf um soziale Überlegenheit".

Hennig kann aber auch zeigen, daß dieses "antitouristische Denken" zu massiven Denkblockaden geführt hat. Gestützt auf französische, italienische und amerikanische Untersuchungen, entwirft der Autor ein Bild vom Tourismus, das allein schon durch seine Ganzheitlichkeit geeignet scheint, wesentliche Schwächen der bisherigen Tourismusforschung zu überwinden. Betrachtet man die Schlagworte, mit denen die Tourismusdebatte der letzten dreißig Jahre geführt wurde, dann wird deutlich: Es ging eher um Domestikation als um Begreifen.

Sanft sollte das Reisen werden, nachhaltig oder gar demokratisch, aber kaum jemand fragte mit System nach, worin sein Vergnügen besteht.

Hennig versteht Reisen als eine der Tätigkeiten, in denen die Menschen die Möglichkeit bekommen, in der Phantasie, auf Zeit und unter anderen räumlichen Bedingungen Alternativen zu ihrem gewohnten Leben und eine andersartige, unvertraute Wirklichkeit zu erproben. Urlaub ist verwandt mit Fest, Ritual und Spiel. Touristen gehen in gewisser Hinsicht wie Künstler vor, ob sie sich im "Ballermann 6" auf Mallorca vollaufen lassen oder in den Uffizien aufhalten. Im Urlaub konstruieren sie einen Raum, der primär ästhetischen Charakter hat, den touristischen Erfahrungsraum, der nur bedingt mit der Wirklichkeit des besuchten Gebiets zu tun hat. "Sie nehmen die Teile der ,wirklichen Welt' aus ihren gewohnten Zusammenhängen und kombinieren sie zu einer neuen Realität."

Hennigs "Reiselust" plädiert für die Anerkennung dieser touristischen Phantasietätigkeit, ohne die das Reisen, in welcher Form auch immer, nicht verstanden werden könne. "Bereits im 18. Jahrhundert ging es der Mehrheit der Reisenden nicht primär um die Erkenntnis fremder Länder vielmehr stand im Vordergrund der Wunsch nach der sinnlichen Erfahrung fiktiver Räume. Die touristische Erfahrung ähnelt in mancher Hinsicht den Welten der Literatur, des Films, der bildenden Kunst - und diesen Kunstformen hält niemand mangelnden Realitätssinn vor."

In seiner komplexen, problembewußten Darstellung verschiedener Einzelaspekte des Tourismus (etwa zu Tourismus und sozialer Gleichheit, zur Ökonomie des Tourismus) gelingt es Hennig, scheinbare Trivialitäten neu zu betrachten und so zu formulieren, daß weiteres Nachdenken und Forschen angeregt werden.

Gegenüber der als "antitouristisch" qualifizierten Kritik betont er die Doppelgesichtigkeit des Tourismus. Einerseits zerstört er Umwelt, andererseits muß er sie auch - schon für seine eigenen Zwecke - erhalten.

Einerseits greift er in bestehende Kulturen ein, andererseits kann er zu ihrer Erhaltung und sogar Revitalisierung beitragen. Auch für den Umgang mit der Imagination gilt dies. So sind aus Hennigs Perspektive die künstlichen Erlebniswelten nicht wegen ihrer Unwirklichkeit zu kritisieren, sondern für die Beschränkung, die sie der Entfaltung von Phantasie auferlegen.

All dies erläutert Hennig anschaulich an Beispielen. Er argumentiert mit stupender Kenntnis auch der philosophischen, anthropologischen und historischen Literatur und eröffnet immer wieder überraschende Einsichten in die innere Struktur des Tourismus. "Reiselust" ist vermutlich das wichtigste Buch, das nach 1945 in deutscher Sprache über das Reisen erschienen ist.

Tourismus wird darin endlich umfassend als ein Bereich der Alltagskultur begriffen, der eigenen Gesetzen gehorcht. Nicht alle sind auch nur annähernd erforscht, aber hier hat ein Außenseiter einen guten Anfang gesetzt. Reisen sollte als sinnvolles Vergnügen verstanden und von den Menschen als Lebenskunst betrieben werden.

Christoph Hennig:

Reiselust

Touristen, Tourismus und Urlaubskultur

Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1997 228 S.,

geb. 36,- DM

 
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    • Von Tobias Gohlis
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 24/1997
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