Als 1981 bekannt wurde, daß der Harvard-Forscher John Darsee eine kardiologische Studie mit gefälschten Daten veröffentlicht hatte, erregte dieser Fall in den Vereinigten Staaten allgemeines Aufsehen. Zahlreiche angesehene Koautoren, die in Darsees Arbeit aufgeführt waren, behaupteten plötzlich, an der Veröffentlichung gar nicht beteiligt gewesen zu sein und stritten jede Verantwortung ab. Der Fall führte schließlich im amerikanischen Kongreß zum ersten öffentlichen Hearing über wissenschaftliche Fälschung unter Vorsitz von Albert Gore, dem heutigen US-Vizepräsidenten. "Die Basis unserer Investition in die Forschung ist der Glaube des amerikanischen Volkes und die Integrität der Wissenschaft", sagte Gore damals pathetisch. "Wir müssen herausfinden, ob diese Vorfälle nur vereinzelte Episoden sind ... oder ob wir in den biomedizinischen Wissenschaften Situationen erzeugen, die Fälle wie diesen nur als Spitze des Eisberges erscheinen lassen."

Jetzt hat diese Sorge auch Deutschland erreicht. Seit im Mai bekannt wurde, daß eine Veröffentlichung der Krebsforscher Friedhelm Herrmann, Marion Brach und Michael Kiehntopf auf falschen Daten beruht, sind die Forscher hierzulande aufgeschreckt. Detlev Ganten, Leiter des Max-Delbrück-Centrums (MDC) in Berlin-Buch, spricht vom größten Forschungsskandal Deutschlands. Und bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) fürchtet man schon, der Ruf der hiesigen Wissenschaft könne weltweit Schaden nehmen. "Wir dachten bislang, wissenschaftliche Fälschungen in großem Stil wie in den USA kämen bei uns nicht vor", meint Bruno Zimmermann von der DFG, "da unsere Forschungslandschaft so klein und überschaubar ist." Eine Annahme, die sich jetzt als irrig herausstellt.

Denn der Krebsforscher Friedhelm Herrmann, der Chef des Forschertrios, ist schließlich nicht irgendwer. Der 47jährige Gentherapeut ist Mitglied des Senats- und Bewilligungsausschusses der DFG für Sonderforschungsbereiche und Sprecher der Arbeitsgruppe Gentherapie. 398 wissenschaftliche Arbeiten hat er bisher publiziert, staunte der Berliner Tagesspiegel, "eine schier unglaubliche Zahl für ein noch vergleichsweise junges Forscherleben". Doch nun ist ein dunkler Schatten auf Herrmanns beeindruckende Bilanz gefallen. Er und seine ehemalige Lebensgefährtin und Laborleiterin Marion Brach werden von einem Doktoranden der Datenfälschung bezichtigt. Die Molekularbiologin Marion Brach leitete von 1992 bis 1996 am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin das Forschungslabor ihres Freundes, während jener an der einen Kilometer entfernten Robert-Rössle-Klinik Krebspatienten behandelte. In dieser Zeit, so lautet der Vorwurf, seien in Herrmanns Labor Computergraphiken auf der Basis von Meßdaten entstanden, für die keine passenden Versuche vorlagen. Insbesondere Daten über Botenstoffe, Resistenzgene in der Chemotherapie und ihren Einfluß auf Krebszellen seien frei erfunden. Marion Brach, die mittlerweile an der Universität Lübeck lehrt, hat inzwischen gebeichtet, sie habe für Veröffentlichungen im Journal of Experimental Medicine Daten frisiert. Sie erhebt schwere Vorwürfe gegen ihren langjährigen Vertrauten und damaligen Chef Herrmann, der mittlerweile an der Universität Ulm tätig ist: Sie und ihr damaliger Mitarbeiter Michael Kiehntopf sagen aus, sie hätten die Daten auf Herrmanns Wunsch hin gefälscht.

Dieser jedoch weist jede Schuld zurück. "Die Daten sind gefälscht, daran gibt es nichts zu rütteln", sagte er zur ZEIT. "Aber ich wußte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nichts davon." Das Manuskript der umstrittenen Arbeit hätte Brach verfaßt, er habe es lediglich vor der Publikation gelesen. Als Mediziner könne er zwar den Inhalt der Arbeit in ihrer Plausibilität nachvollziehen, "jedoch die technischen Aspekte der Experimente im Detail kann ich nicht beurteilen". Es sind vier Artikel ins Kreuzfeuer geraten, an denen insgesamt fünfzehn Autoren beteiligt sind. Herrmann, der fünf Arbeitsgruppen leitete, erscheint dabei jeweils als Koautor.

Der ZEIT gesteht Herrmann erstmals, daß bereits kurz nach der Publikation 1995 eine Mitarbeiterin von Frau Brach auf ihn zugekommen sei und ihm ein Datenbild mit der Bemerkung gezeigt habe, da sei etwas faul. "Ich rief Frau Brach zu mir", sagt Herrmann. Die jedoch habe damals die Richtigkeit der Daten beteuert. "Ich selbst hatte mit der Sache nichts zu tun und habe ihr völlig vertraut", erinnert sich Herrmann. Doch trägt er nicht als ihr Vorgesetzter die Verantwortung für die Veröffentlichung? "In der Politik ist ein Chef für das verantwortlich, was seine Leute tun", meint Herrmann, "aber in der Wissenschaft...?" Es sei unmöglich, alle Versuche seiner Doktoranden, Postdocs und Laborleiter zu durchleuchten. Die Vorwürfe gegen sich hält er nach wie vor für "ungerechtfertigt".

Wie reagiert die scientific community in solch einem Fall? Mit hektischer Aktivität, die vor allem einen möglichen Rufschaden von der eigenen Institution abwehren soll. Als der Universität Ulm der Fälschungsvorwurf gegen Herrmann ins Haus flattert, richtet sie eine Kommission ein, die den Fall klären soll. Gleichzeitig ersucht sie Herrmann, seine "akademischen Pflichten" niederzulegen, und gibt eine Presseerklärung heraus, um nicht selbst in Verdacht zu geraten. Obwohl Friedhelm Herrmann noch keine Verfehlung nachgewiesen werden kann, stoppt die Deutsche Krebshilfe, die seine Arbeiten in Berlin mit rund einer halben Million Mark gefördert hat, vorerst weitere Zahlungen. Auch die DFG friert die Mittel ein und schließt sich einer Untersuchungskommission unter Vorsitz von Detlev Ganten an, die inzwischen am MDC in Berlin Laborbücher durchforstet.