Franz Kafka (18 Punkte) machte einmal den feinen Unterschied zwischen betrügen mit Betrug und betrügen ohne Betrug. Literatur hieß für ihn betrügen ohne Betrug. Die Kanondebatte der ZEIT aber ist ein Beispiel für betrügen mit Betrug. Der Betrug liegt darin, daß sich auf das Alarmzeichen eines Redakteurs hin eine ganze Schar vermutlich kluger Leute die Maske besorgter Deutschlehrer aufsetzt, Betrug ruft und ein falsches Spiel spielt. Das Spiel heißt: Wir sind passionierte Leser, aber unsere Kinder nicht. Darum errichten wir einen Kanon. Wir beginnen mit Tandaradei und enden im Weinhaus Wolf. Dort wird das Gespräch über Literatur erneut beginnen.

Selten hatte man Gelegenheit, den Bildungsjammer, den der deutsche Literaturunterricht abstrahlt, in so konzentrierter Form nachzuerleben. Das freilich ist der ZEIT zu danken. Aber wir Leser, die wir ein wenig von unserem Vermögen in Literatur angelegt haben, blättern doch mit einigem Schrecken in den Akten dieses Offenbarungseides. Der Schrecken geht ins höchste Register, wenn man Ulrich Greiners Triumphworte liest: "Was zum Kanon gehört, ist (. . .) de facto unbestritten". Der Triumph des Konsenses. Wir haben keinen Rentenkonsens, keinen Steuerkonsens, keinen Eurokonsens, aber wir haben den Literaturkonsens! In den Abgründen von Politik und Wirtschaft wüten Dissens und Orientierungslosigkeit, aber auf dem "Höhenkamm der Literatur" blüht der Konsens. Dort sitzen, stellvertretend für ihre anonymen Brüder und Schwestern, die prominenten Deutschen (und ihre ausländischen Freunde) in wunderbarer Eintracht und geben Rilke 7 Punkte. Denn der Konsens ist süß.

Wann, um Gottes willen, hört der Deutschlehrer (das Bildungs-Über-Ich) in uns auf, das Ende der Literatur, das Ende der Kultur, das Ende des Geistes zu beschwören und den Schülern die Mission aufzutragen, wieder von vorn zu beginnen! Goethes Faust (28 Punkte) und Hölderlins Gedichte (9 Punkte) im Tornister, brechen wir wieder einmal auf, diesmal nicht gegen den Feind draußen, sondern gegen den Feind drinnen, mit dem man kein Literaturgespräch mehr führen kann, weil er so unzivilisiert ist wie einst der Gegner im Westen oder Osten. Das Vaterland ist in Gefahr: "Neunzig Prozent der Germanistik-Anfänger kennen den Faust nicht." Das reicht, um allen, die Text statt Werk sagen, den Krieg zu erklären. Aber, liebe Leute, habt ihr die Abiturienten denn befragt, was sie kennen? Wißt ihr, woraus sich die mythische Welt der Achtzehnjährigen zusammensetzt? Welche Lieder, welche Bücher, welche Filme und Theaterstücke ihnen wichtig sind? Wißt ihr etwas darüber? Euer Kanon enthält schöne, großartige Werke; aber der Bankrott ist gerade das Kanonische des Kanons. Goethe, Kafka, Thomas Mann, Büchner, Brecht werden mit ihren prominenten Werken heruntergebetet, weil sie zum Kanon gehören. Ulrich Greiner will den Zufall der Schullektüren bekämpfen, um die literarische Überlieferung nicht abbrechen zu lassen, schon umschwärmen ihn lauter beflissene Bildungssimulanten, die den Kanon herunterbeten. Der Kanon ist nicht das, was man liest, sondern das, wovon man weiß, daß es gelesen werden sollte. Befragte man die Abiturienten des Jahres 1997, sie gäben dieselbe Antwort: Goethe, Kafka, Thomas Mann. Wer Kanon mit Konsens verwechselt, der sollte noch einmal in die Schule gehen.

Was liest man denn im Faust, den alle lesen sollen? Man liest dort von einem Profi-Leser, der nicht nur den Kanon, sondern alle Literarizität verwirft: "Soll ich vielleicht in hundert Büchern lesen, daß überall die Menschen sich gequält, daß hie und da ein Glücklicher gewesen?" Ist Faust, der die Bücher verwirft und das Unmittelbare predigt, ein Betrüger? Der gleiche 28-Punkte-Autor schrieb in Dichtung und Wahrheit, warum er mit der Tradition der Aristoteles und Cicero gebrochen hat. Weil er diese Texte, nein, Werke mit seiner Erfahrung nicht mehr in Zusammenhang bringen konnte. Wenn Bücher nicht mehr mit der Erfahrung zusammengehen, dann sind sie nur noch Paperware der Archive und Profi-Leser. Die Abiturienten-Generation von 1960 bis 1970, die noch zu neunzig Prozent den Faust gelesen hatte, wollte darin ihre eigene Erfahrung wiederfinden. Als Deutschlehrer begannen sie dann, den Kanon zu verwerfen, weil er nur die ewige Schule verewigte. Das war richtig. Die Literatur zu verwerfen, das war falsch.

Der Kanon ist die Sache von Königen, Philosophen und Schulmännern. 1780 entsetzte sich Friedrich der Große (auf französisch) darüber, daß deutsche Bühnen vor allem die Werke eines Shakespeare und den Götz von Berlichingen aufführten. Wie sollte mit diesem "ekelhaften Gewäsche", so unfein drückte sich der Monarch aus, das Gespräch über die Literatur fortlaufen? Im tiefsten Königsherzen aber sorgte sich die Sorge: Wie soll der nächste Siebenjährige Krieg gewonnen werden, wenn die preußischen Offiziere nicht mehr auf die drei Einheiten hören? 1718 bereits brachte Leibniz die Schreckensvision zu Papier, daß in 1000 Jahren die Bibliotheken das Ausmaß von Staaten erreichten. 80 Jahre später sorgte sich ein von Friedrich von Hardenberg (0 Punkte) erfundener Sorgenmacher darüber, daß der Umfang der Literatur so ungeheuerlich wüchse, daß "man am Ende keine ganze Wissenschaft mehr studieren" könnte. Das ist die Schulmännersorge: das Neue, die Überflutung, die schlechten Lehrer, die faulen Schüler, der verkommene Geschmack: Finis canonis, finis Germaniae.

Man kann gegen den Wandel der Welt die ewige Literatur setzen. Man kann gegen den lauen Genuß das wunderbare Büchervergnügen verschreiben. Man kann aus vielen Büchern einige auswählen. Aber man sollte es nicht befehlen. Und man darf nicht so tun, als hielte man mit fünf deutschen Pflichtwerken die Zerstreuung des Wissens und die Popularisierung der Kultur auf. Jeder Kanon ist eine befohlene Auswahl aus einem apokalyptischen Überfluß. Immer mehr Indizien sprechen dafür, daß Könige und Deutschlehrer die Bibliothek von Alexandria in Brand gesteckt haben.