HALLE AN DER SAALE. - Einen "Hurenbock" schalt ihn Martin Luther. Und selbst der Bischof von Magdeburg, Leo Nowak, konzediert heute, 450 Jahre später, in der katholischen Kirche habe es "Versagen und Fehltritte" gegeben.

Die Rede ist von Kardinal Albrecht von Brandenburg (1490 bis 1545), mächtigster Fürst nach dem deutschen Kaiser und einer der Erzfeinde der Reformation. Der Gottesmann und Herr über die Bistümer Mainz, Magdeburg und Halberstadt bereicherte sich an den Sünden seiner gutgläubigen Untertanen, indem er den Ablaßhandel zu exorbitanter Blüte führte. Und war doch selbst nicht ohne Sünde: Albrecht blieb zeitlebens den Damen tief zugeneigt, geistig und körperlich.

In Halle an der Saale, deren Moritzburg der umtriebige Kardinal zu seiner Lieblingsresidenz erkoren hatte, spaltet dieser Tage ein Streit Parteien und Kirchen. Entzündet hat er sich an der Frage: Darf Kunst so frei sein, einen geistlichen Würdenträger zu entblößen? Denn der Bildhauer Bernd Göbel hat den Kardinal nackt in Bronze gegossen und zeigt ihn in Verschlingung mit einem Weibs- und einem Mannsbild. Diese Dreiecksgeschichte zwischen Kardinal Albrecht, seinem Kämmerer Hans von Schönitz und einer italienischen Sängerin ist historisch verbrieft.

Zum öffentlichen Ärgernis avancierte die unheilige Allianz schließlich, weil die Bronzeskulptur mitten in der Stadt aufgestellt werden soll. Schon 1975 hatte der Rat den Auftrag erteilt, einen "historischen" Brunnen zu bauen: Er sollte repräsentativ, lokalgeschichtlich und unterhaltsam sein. Mit seinem damaligen Lehrer Gerhard Lichtenfeld entwarf Göbel - beide Professoren an der Kunsthochschule für Kunst und Design - ein Wasserspiel. Das Becken mißt zehn mal zehn Meter, und an seinem Rand stehen auf vier Stelen die Figurengruppen "Fischerstecher", "Saalenixe", "Trothaer Schäfer" und "Kardinal Albrecht".

Diese ist der Stein des Anstoßes. Nur mit der Mitra bekleidet, kauert der nackte Kardinal in Karnickelstellung über einer ebenfalls entblößten Frau.

Lüstern kräuselt er die Lippen zum Kusse, sie aber ergreift die Hand des unter ihr liegenden Mannes. Der wiederum wird von Albrecht mit den Füßen getreten. Eine wahre Begebenheit hat den heute 54jährigen Göbel zu dieser obszönen Dreifaltigkeit inspiriert: Als der Kardinal 1514 nach Halle kam, ließ er in Frankfurt am Main die geliebte Sängerin zurück. Er schickte seinen Adlatus Hans von Schönitz los, um sie nachzuholen. Auf der langen Reise bahnte sich zwischen den beiden ein Verhältnis an, das offenbar von Dauer war. Zwanzig Jahre später ließ der Gottesmann den Nebenbuhler köpfen - mit der fadenscheinigen Begründung, er habe Geld aus dem Staatssäckel stibitzt.

Luther bezichtigte den "Abgott von Halle", dessen unchristliche Geschäftemacherei ihn so recht zum Verfassen seiner Thesen animiert hatte, des Justizmordes.