Der "New Yorker": Ein Intelligenzblatt wird renoviert

Der "New Yorker" trifft den Nerv, ohne hinter den Aktualitäten herzuhecheln

Jedes Heft präsentiert sich wie ein Ballett, manchmal voller Dramatik, manchmal nur amüsant, (in Maßen) modern, klassische Revue, gelegentlich auch Tingeltangel mit vulgärem Schmiß. Und wie die Truppe von der 43.Straße (West) neuerdings wieder die Beine wirft! Seit Tina Brown, die formidable Chefredakteurin, energisch und enthusiastisch Regie führt, kicken sie die Füßchen höher als vordem, kesser, kühner, mit härterem Temperament und genauerem Rhythmus. Das hat die Neugier auf das Magazin, die im Gang der Jahre ein wenig verwelkt war, kräftig belebt.

Überdies sprechen die Zahlen für Tina Brown. Seit Beginn ihres Regimes im Herbst 1992 - sie war 37, selbst für amerikanische Verhältnisse nahezu jung gewann die Zeitschrift knapp eine Viertelmillion neue Käufer und Abonnenten. Auflage 880 000 Exemplare. Die Leserschaft hat sich verjüngt. Der Anteil der Achtzehn- bis Fünfunddreißigjährigen beträgt nun sechzehn Prozent (früher waren es vier) - und dies gelang, um es gleich zu sagen, ohne opportunistische Ranschmeißerei, die manche anderen Magazinredakteure, meist Damen und Herren gesetzteren Alters, dazu verführt, ihre Artikulationsfähigkeit dem baby talk zu opfern, der gern zur "Jugendsprache" hochstilisiert wird.

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Die wichtigeren Kriterien: Vitalität, Temperament, Witz und ein Sensorium für zentrale Themen.

Das Anzeigenaufkommen - die Crux des Blattes, wie nahezu aller Zeitungen und Zeitschriften in diesen Tagen - erfuhr 1995 eine Steigerung um sechzehn Prozent, und man raunt, im Jahre 1997 würde der New Yorker schwarze Zahlen schreiben (man schätzte die Verluste per anno auf sieben bis fünfzehn Millionen). Und das, obschon die junge Patronin bei den redaktionellen Ausgaben nicht knausert. Sie weiß nur zu gut, daß Sparsamkeit am falschen Ende das Wachstum erwürgt.

Ihr Konzernherr Si Newhouse, der das Condé-Nast-Imperium am langen Zügel und dennoch aufmerksam lenkt, scheint es gleichfalls zu wissen. Er kaufte das Magazin 1985 für 180 Millionen Dollar. Die Installierung von Robert Gottlieb als Chefredakteur (1987 bis 1992) - sein erster Eingriff - war gut gemeint: kein Geniestreich. Ein braver, gescheiter Mann, der das große Erbe allzu behutsam verwaltete. Viele Ausgaben unter seiner Regie gerieten ungelesen in den Papierkorb: zu langatmig, zu grau; zu viele umständlich lispelnde Stücke über Helden des Umweltschutzes in Vermont, costaricanische Dschungelpoeten oder das Ringen des Juniorsenators von Oregon mit seinem sozialen Gewissen. Langeweile, gelegentlich zu einem stillen Lächeln gekräuselt. Der New Yorker war unter dem dritten seiner Chefredakteure gravitätisch und pomadig geworden, altfränkisch auf amerikanische Art.

Dann Tina Brown: ein radikaler Wechsel, der in der Tat den Bruch mit allen guten Gewohnheiten des Blattes anzukündigen schien. Indes, die junge Frau jagte die große Tradition nicht zum Teufel - und sie sank unter ihr nicht zusammen. In gewisser Hinsicht führte sie das Magazin zu seinen Anfängen zurück.

Vier Chefredakteure in 74 Jahren, seit Harold Ross den New Yorker mit dem illustren Kreis um Dorothy Parker (immer geistreich, immer lachend, immer melancholisch und zu oft betrunken) im Hotel "Algonquin" an der 44. Straße als ein Blatt gehobener Unterhaltung aus der Taufe gehoben hat, durch reiche Spenden des Hefe- und Ginkönigs Raoul Fleischmann aus Cincinnati finanziert. Das erste Titelblatt, mit genauem Instinkt ausgewählt, präsentierte einen Dandy der Regency-Zeit - Zylinder, Monokel, hochmütiger Blick, aristokratisch gekräuselte Nase, Knaufstock, Handschuhe: ein amerikanischer Vetter des Londoner Snobs Beau Brummel, hernach mit dem graziösen Namen Eustace Tilly versehen. Ein Markenzeichen, das Jahr für Jahr die Jubiläumsausgabe schmückt (nur selten hat ihn die Redaktion vergessen), auch jetzt, wenngleich frech verfremdet.

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