Friedrich Kittler über Thomas Pynchons' langerwarteten neuen Roman, der eben in den USA erschienen ist
Das Jahrhundert der Landvermesser
Charles Mason (1728-1786) und Jeremiah Dixon (1733-1779) waren zwei britische Landvermesser, die im Auftrag der Londoner Royal Society die Grenze zwischen den heutigen US-Staaten Pennsylvania und Maryland festlegten. Ihre Geschichte erzählt Pynchon in seinem fünften Roman, ohne auch nur zu erwähnen, daß die Mason-Dixon-Linie, weil sie nachmals Nord- und Südstaaten trennte, ein Jahrhundert später zur Hauptkampflinie des amerikanischen Bürgerkrieges werden sollte. So treu bleibt der Roman - bis in Sprache und Orthographie hinein - der Geschichte im Doppelsinn: Er rekonstruiert das Jahrhundert der Aufklärung in allen Details seiner Wissenschafts-, Kulturund Sprachgeschichte; er vermeidet jene Sprünge durch Zeit oder Raum, für die Pynchons frühere Romane berühmt waren, und führt eigens einen Erzähler ein, dessen Frömmigkeit die Ereignisse zu Lebensgeschichten ohne Sex and Crime filtert. In "Mason & Dixon" geschieht, mit anderen Worten, fast nichts. Es gibt keine Paranoia wie in allen anderen Pynchon-Romanen und damit auch die leidenschaftliche Suche nach dem technischen oder politischen Geheimnis hinter der Romanhandlung nicht. Es gibt nur die maßlose Geduld einer kulturhistorischen Beschwörung, die ihresgleichen wohl nur noch an Flauberts "Salammbô" hat.
Was Pynchon aus wissenschaftlichen und literarischen Quellen des 18. Jahrhunderts ausgräbt, ist eine Archäologie der weißen Erdherrschaft. In Konkurrenz mit Holland und Frankreich kämpft Großbritannien im globalen Raum zwischen Indien, Afrika und Amerika nicht bloß um Kolonien, sondern vorab um Wissenschaften, die besiedelte Kolonien erst möglich machen. Schon darum bleibt die East India Company am drohenden Rand des Romans, während die Royal Society seine Mitte bildet. Ihre Forschungen, um auftragsgemäß mit aller Scholastik aufzuräumen, umfassen Astronomie und Geographie, Navigation und Botanik. Mason, der englische Astronom, und Dixon, der schottische Landvermesser, sind nur Räder in einem modernen Wissenschaftsbetrieb, der diese Erde und ihren Ort im Weltall in reelle Zahlen und exakte Karten übersetzt. Denn auf der Entwicklung von Kalkülen und Präzisionsmeßgeräten hat die europäische Erdherrschaft beruht: Wer wie Mason und Dixon (oder auch Cook auf seinen Weltumseglungen) über das Staatsgeheimnis erster Uhren verfügt, deren Genauigkeit auch schwerster Seegang nichts mehr anhat, kann Längen- und Breitengrade bestimmen, die es dann ihrerseits erlauben, Grenzen als fast geradlinige Schneisen noch durch Amerikas Urwälder zu legen.
Was zusammenstößt, sind also einmal mehr Konstruktion und Raum, Ingenieurstechnik und Chaos. Der Roman beginnt mit einem chaotischen Seegefecht, streift (wie schon "V." und "Gravity's Rainbow" ) die Wüsten Südafrikas, gelangt im unbewohnbaren St. Helena, der kommenden, aber nicht vorhergesagten Gefängnisinsel Napoleons, ans Herz der Finsternis, um schließlich - wie sein Schreiber auch - nach Nordamerika heimzufinden. Dieses Amerika aber ist seit dem Siebenjährigen Krieg von französischen Kolonialherren (mit Ausnahme einer halbmythischen Jesuitenverschwörung) schon befreit und steht kurz vor seinem Unabhängigkeitskrieg, der im Intervall zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit auch die britische Kolonialherrschaft abschütteln wird. Wobei Pynchon nicht müde wird, zwischen Kolonialismus und Drogenhandel alle möglichen kulturhistorischen Zusammenhänge herzustellen: von der Teesteuer, die den amerikanischen Aufstand auslöste, über die weiblichen Hanfstauden, die George Washington nachweislich züchtete, bis zu Rohrzucker und Kaffee, die auch den tragenden historischen Zusammenhang zwischen Genußmitteln und Sklavenhandel stiften.
Schon darum ist die Szene des Romans, wenn nicht gerade Planeten oder Breitengrade zu vermessen sind, grundsätzlich das Wirtshaus. Weiße aus allen möglichen Ländern Europas trinken und reden, bis ein anglikanischer Pfarrer beim Familienweihnachten all diese Reden noch einmal für Nichten und Neffen erzählt. Nur sein geheimes Tagebuch, dessen Fragmente als Motti über die 78 Kapitel verstreut sind, verzeichnet die Ahnung, daß jenseits der weißen Häuser und Wirtshäuser womöglich andere, bösere Götter herrschen - Götter, die den eucharistischen Verzehr von Fleisch und Blut wörtlich nehmen. Dieses Andere aber ist, auch für Mason und Dixon, immer bloß zu streifen. Wenn sie am Kap der sadomasochistischen Erotik zwischen Buren und Negersklaven nachgehen oder in Maryland einem Indianerpogrom auf der Spur sind, kommen die Aufklärer knapp, aber grundsätzlich zu spät. Einmal mehr beschreibt Pynchon keinen einzigen Mord.
Nur am Wendepunkt des Romans, wenn Mason und Dixon zum westlichsten Punkt ihrer Grenzziehung gelangen, tauchen blutige Skalps am Gürtel von Indianerhäuptlingen auf, die den großen Kriegspfad durch ihre Urwälder allen Weißen untersagen. An dieses Verbot hält sich aber nicht nur das seltsame Zwillingspaar der Helden, sondern auch der Roman selbst. Wunder und Zeichen (wie etwa verliebte Roboter, chinesische Erddrachen, unterirdische Antipoden) gibt es zwar in eingelegten Märchen, Träumen oder Slapsticks, die das Jahrhundert der Aufklärung an seinem Aberglauben messen, aber alle Gewißheiten des Romans verbleiben diesseits jener bösen Geraden, die die wissenschaftlich-technische Erschließung über die Erde zieht. In einem der seltenen Selbstkommentare heißt es, fast unübersetzbar vor lauter Sprachspielen: "Das irdische Paradies bleibt auf immer hinter dem Sonnenuntergang und nur solange sicher, bis das nächste Territorium in Richtung Westen gesichtet und aufgezeichnet ist, gemessen und festgezurrt ans Netz der Schon-Bekannten-Punkte, wie es langsam seinen Weg durch den Erdteil trianguliert, alles vom Konjunktiv auf den Deklarativ umstellt und Möglichkeiten zu Einfachheiten, die Staatszwecken dienen, schrumpfen macht. Das Netz gewinnt dem Reich des Heiligen seine Grenzländer ab und schlägt sie eins ums andere dieser nackten sterblichen Welt zu, die unsere Heimat und unsere Verzweiflung ist."
Wie kein anderer Romanschreiber hat Pynchon, der ja nicht nur Photos und Interviews verweigert, das Weite gesucht. Seine Romane spielten auf Malta und im Weltkriegsdeutschland, in der Kalahari und in der Frühneuzeit. Aber seit "Vineland", die trostlose Geschichte von Kaliforniens Hippies, 1990 mit einer Widmung "an Vater und Mutter" erschien, scheint Pynchon auf dem Weg nach Hause. "Mason & Dixon" löst sich Schritt um Schritt von der Wissenspolitik gelehrter Gesellschaften und versenkt sich statt dessen in die Konjunktive oder Möglichkeiten eines Erdteils, unmittelbar bevor er sich zu Vereinigten Staaten ernannte. Als einziges Zitat aus der amerikanischen Verfassung übernimmt der Roman das Versprechen an alle Staatsbürger, ihr Glück zwar nicht zu finden, aber doch verfolgen zu dürfen. Deshalb führt auch Masons Unglück (seine Frau verloren und seine wissenschaftliche Karriere verspielt zu haben) schließlich nach Philadelphia zurück, wo ihm ein elektrizitätsbegeisterter Benjamin Franklin die letzte und härteste Grenze, den Tod, leichter macht. Dixon und Mason erlauben sich kurz vor ihrem Ende doch noch eine Tat: Der Sanguiniker im handlungsärmsten Pynchon-Roman befreit ein paar Sklaven, der Melancholiker beleidigt seinen Vorgesetzen bis aufs Blut. Wenn es (mit Michel Foucault) das Glück nicht gibt und das der Menschen noch weniger, bleibt nur die Hoffnung auf ein Leben ohne Herren.
Pynchon, das einstige Enfant terrible, ist am 8. Mai dieses Jahres sechzig geworden. Die Zärtlichkeit, mit der er seine Helden in Alter und Tod geleitet, sucht ihresgleichen. Daß die Hoffnung dennoch leer ausgeht, liegt an der Romankonstruktion selber. Mason und Dixon sind "zu höheren Stufen der Macht aufgestiegen und zu allen Teilen des Globus gesegelt", nur um am Ende ins Kleinbürgerdunkel ihrer Herkunft zurückzusinken. Aber die Räume, die ihre Trigonometrie erschlossen hat, sind die Schauplätze und Schlachtfelder künftiger Weltgeschichte. In der gnadenlos beschriebenen Unwirtlichkeit St. Helenas zeichnet sich schon der Schatten Napoleons ab, im vermessenen und daher baumlosen Breitengrad zwischen Pennsylvania und Maryland, Arbeitgeber- und Sklavenhalterstaat, schon der Bürgerkrieg.
"Mason & Dixon", wie die guten alten historischen Romane seit Bulwer-Lyttons "Letzte Tage von Pompeji" oder Flauberts "Salammbô", darf aber von der Zukunft nur in Orakeln sprechen. An der Grenze zur Wildnis prophezeit ein chinesischer Geomant seinen methodischen Antipoden, den beiden Geometern, "Krieg und Verwüstung". Nur hat sein Orakel bessere Gründe als üblich. Newtons neue Wissenschaft, wie sie am heroischen Ursprung der Royal Society steht, wird erst in Bürgerkriegen und preußischen Lineartaktiken Wirklichkeit: "Um für immer an der Macht zu bleiben, ist es nur notwendig, zwischen den Völkern, die man beherrschen will, etwas zu schaffen, was wir Chinesen üble Geschichte nennen. Nichts wird unmittelbarer und brutaler üble Geschichte machen, als mitten durch ein Volk eine Linie, besonders eine gerade Linie, die Figur der Verachtung selber, zu ziehen. Sie ist der erste Streich, alles andere wird folgen wie vorherbestimmt, bis hin zu Krieg und Verwüstung."
Der Konjunktiv oder Möglichkeitssinn liegt Pynchons Roman also nicht nur voraus. Auf 773 Seiten stellt "Mason & Dixon" die Grenzen und Leerräume bereit, in denen alle amerikanischen Romane spielen werden. Aber den Roman des Bürgerkriegs hat Thomas Pynchon, ganz im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg, nicht geschrieben.
Thomas Pynchon: Mason & Dixon. Henry Holt and Company , New York 1997; 773 S., 27,50 Dollar
- Datum 27.06.1997 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1997
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