Friedrich Kittler über Thomas Pynchons' langerwarteten neuen Roman, der eben in den USA erschienen istSeite 2/2

Pynchon, das einstige Enfant terrible, ist am 8. Mai dieses Jahres sechzig geworden. Die Zärtlichkeit, mit der er seine Helden in Alter und Tod geleitet, sucht ihresgleichen. Daß die Hoffnung dennoch leer ausgeht, liegt an der Romankonstruktion selber. Mason und Dixon sind "zu höheren Stufen der Macht aufgestiegen und zu allen Teilen des Globus gesegelt", nur um am Ende ins Kleinbürgerdunkel ihrer Herkunft zurückzusinken. Aber die Räume, die ihre Trigonometrie erschlossen hat, sind die Schauplätze und Schlachtfelder künftiger Weltgeschichte. In der gnadenlos beschriebenen Unwirtlichkeit St. Helenas zeichnet sich schon der Schatten Napoleons ab, im vermessenen und daher baumlosen Breitengrad zwischen Pennsylvania und Maryland, Arbeitgeber- und Sklavenhalterstaat, schon der Bürgerkrieg.

"Mason & Dixon", wie die guten alten historischen Romane seit Bulwer-Lyttons "Letzte Tage von Pompeji" oder Flauberts "Salammbô", darf aber von der Zukunft nur in Orakeln sprechen. An der Grenze zur Wildnis prophezeit ein chinesischer Geomant seinen methodischen Antipoden, den beiden Geometern, "Krieg und Verwüstung". Nur hat sein Orakel bessere Gründe als üblich. Newtons neue Wissenschaft, wie sie am heroischen Ursprung der Royal Society steht, wird erst in Bürgerkriegen und preußischen Lineartaktiken Wirklichkeit: "Um für immer an der Macht zu bleiben, ist es nur notwendig, zwischen den Völkern, die man beherrschen will, etwas zu schaffen, was wir Chinesen üble Geschichte nennen. Nichts wird unmittelbarer und brutaler üble Geschichte machen, als mitten durch ein Volk eine Linie, besonders eine gerade Linie, die Figur der Verachtung selber, zu ziehen. Sie ist der erste Streich, alles andere wird folgen wie vorherbestimmt, bis hin zu Krieg und Verwüstung."

Der Konjunktiv oder Möglichkeitssinn liegt Pynchons Roman also nicht nur voraus. Auf 773 Seiten stellt "Mason & Dixon" die Grenzen und Leerräume bereit, in denen alle amerikanischen Romane spielen werden. Aber den Roman des Bürgerkriegs hat Thomas Pynchon, ganz im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg, nicht geschrieben.

Thomas Pynchon: Mason & Dixon. Henry Holt and Company , New York 1997; 773 S., 27,50 Dollar

 
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