Eigentlich ist alles ganz normal: Wir tummeln uns mitten in einer dieser Familienkatastrophenkomödien, wie sie sich zuhauf in Kinderbüchern finden. Strickmuster: aufgeweckte Göre, zehn Jahre alt, schludriges Outfit, natürliches Wesen, tierlieb. Ärger mit a) neurotischer Mutter (Oberfürsorgerin), b) stocksteifem Vater (Buchhalterkleingeist), c) nervtötender älterer Schwester (blöde Tussi). Beste Freunde: a) zerschlissener Stoffhund (einäugig), b) sympathischer Onkel (welterfahren). Nennenswerte Ereignisse: so gut wie keine, bis eines Tages etwas Magisches passiert. Dann: Überraschungen am laufenden Band. Ende der Geschichte: glücklich.

So weit nichts Neues in Dick King-Smiths bereits 1982 veröffentlichter Geschichte "Die Nase der Queen", die jetzt bei uns erschien - im Fahrwasser von "Schwein gehabt, Knirps" (der Vorlage für den Kinohit "Ein Schweinchen namens Babe"). Daß eine fünfzehn Jahre alte Story aber noch heute vergnüglich zu lesen ist, hat seine Gründe: Erstens verstrickt King-Smith fiktive und reale Elemente so geschickt, daß das Konglomerat aus Wunderlampen-Märchen, Tiergeschichte, Familiendrama und Rebellenroman, versetzt mit einer kräftigen Brise englischen Humors, tatsächlich zu leben beginnt. Zweitens bewahrt der Jazzmusiker Volker Kriegel nicht nur als Übersetzer den Alltagszauber der Geschichte, sondern auch als Illustrator.

Drittens muß einem Autor erst einmal einfallen, daß die Nase der auf der 50-Pence-Münze (Ausgabe 1973) abgebildeten Queen Elizabeth II.

magische Qualitäten besitzt. Wer nämlich an der der Nasenspitze gegenüberliegenden Kante der Münze reibt, hat sieben Wünsche frei (die Magie scheitert hierzulande weniger an geeigneten Nasenspitzen als vielmehr am Fehlen siebenkantiger Münzen).

Viertens findet man in Kinderbüchern kaum Helden, die so viele Gesichtsausdrücke beherrschen wie die Göre Harmony. Auf 148 Seiten sind sechzehn verschiedene zu bewundern: von der "Meine Mutter macht mich wahnsinnig"-Visage über den "Keine Folter der Welt bringt mich dazu zu gehorchen"-Blick bis zum "Ich bin so was von glücklich"-Gesicht. Fünftens gelingt es der jungen Heldin mühelos, den Lesern ein neues Bild vom Menschen nahezubringen. Weil sie Tiere netter findet als die Krone der Schöpfung, hat sie sich entschlossen, das Tier im Menschen zu sehen. So mutiert Mutter flugs zur Kropftaube, Vater zum Seelöwen, Schwester zur Siamkatze und der Onkel zum Silber-Grizzly. Nicht zu sprechen von Gottesanbeterinnen, Beutelratten, kolumbianischen Nachtäffchen und all den anderen Lebewesen, die Harmonys Nachbarschaft bevölkern und fein säuberlich in ihrem Malbuch dokumentiert sind.

Eine Weltsicht, die jeden Katastrophenalltag lebenswert und spannend macht. Nachahmenswert!

Dick King-Smith: