GÖTTINGEN. - Durch Berge von Akten hat sich Edmund Ballhaus gequält. "Es war eine schreckliche Arbeit", sagt er, "aber beim Schreiben mußte ich manchmal lauthals lachen." Der Mann ist weder Richter noch Beamter, sondern Kulturwissenschaftler am Seminar für Volkskunde der Göttinger Universität.

Und als solcher hat er ein professionelles Interesse an den alltäglichen Dingen des Lebens: Schriftwechsel zwischen Bürgern und Behörden etwa, verfaßt in zopfigem Amtsdeutsch, versehen mit Paragraphen-Kanonaden und bar jeder sinnlichen Regung.

In dem Projekt "Bürokratie im Alltag" hat Ballhaus Brieffeindschaften untersucht. Sie entzünden sich an Lappalien und gleichen einem kafkaesken Kampf: eigenmächtige Beamte vs. ohnmächtige Bürger. Ein "gesellschaftliches Problem ersten Ranges" glaubt Ballhaus da entdeckt zu haben. Er attestiert unseren Staatsdienern Unfähigkeit zur Kommunikation, Willkür und Unverhältnismäßigkeit, die auf die Betroffenen demütigend wirke. Klagen über Fallstricke, die Beamte legen, sind bekannt. Doch der Wissenschaftler hat nach akribischer Recherche Beweise vorgelegt und die 31 abstrusesten Fälle in einem Buch versammelt ("Die Paragraphenreiter. Haarsträubende Erlebnisse mit dem Amtsschimmel. Verlag C. H. Beck).

Betroffene streiten und prozessieren über Treppen, die ins Nichts führen sollen, oder über Hausmüll, der nicht fachgerecht sortiert wurde. Eine Frau muß den Beweis antreten, daß es ein schusseliger Beamter war, der ein R für ein W nahm, so daß sie als Riedhoeft geboren wurde.

Beamte mit Hang zu rigider Rechtsauslegung waren schon immer das Kreuz des Staates. Sie wurde zur Jahrhundertwende personifiziertes Exempel für Max Weber, der sagte, daß sich "in einem modernen Staat die wirkliche Herrschaft in der Handhabung der Verwaltung im Alltagsleben auswirkt". Deutsche Beamtenmentalität brachte den Kohlhaas zur Rechtsraserei und ging mit Heinrich Manns "Untertan" in die Weltliteratur ein.

Die Macht der Verwalter hat laut Ballhaus erheblich zugenommen. Die Zahl der Beamten hat sich zwischen 1950 und 1990 mehr als verdoppelt: von etwa zwei auf fünf Millionen. Ihr Ordnungswahn erstreckt sich auf alles, was nur irgendwie zähl- oder meßbar wäre. Und wo ein Maß fehlt, setzt der Bürokrat selbst eines: "Er hat Angst, daß der Vorgesetzte sagt, du hast da nicht im Sinne des Staates gehandelt", analysiert Ballhaus, "und dann verschanzt er sich hinter Formalismen."

Der Wissenschaftler sieht schwarz: "Eine verkrustete Hierarchie ist verdammt schwer zu reformieren." Er fordert ein umgekehrtes System von Zuckerbrot und Peitsche: Menschenfreundliche Beamte müßten belobigt werden gestraft aber gehörten die Sturen unter ihnen. "Denen muß klargemacht werden", sagt er, "welche Kosten sie verursachen." Die Vorgesetzten sollten zu Vorbildern geschult werden - Beamte lernen lächeln. Obwohl sie nicht einmal richtig sprechen wollen.