Berlin Möglich, daß ein bedeutender Fuß mitgewippt hat. Daß der Bundespräsident am Samstag an seinem Fenster im Schloß Bellevue gestanden hat, den Blick hinüber, Richtung Hotel "Adlon". Es müsse jetzt Schluß sein mit der Unbeweglichkeit und der schlechten Laune, sagte er dort kürzlich. Ein "Ruck" müsse durchs Land gehen. Und nun dies: Eine ekstatisch ruckende Menschenmasse schiebt sich zwischen seinen Wirkungsstätten durch den Berliner Tiergarten.

Ist das nicht ein kleiner Triumph? Vielleicht war Roman Herzog aber auch woanders.

Verbürgt ist die Begeisterung von Klaus-Rüdiger Landowski, dem Berliner CDU-Fraktionschef. In gelbes Leder gehüllt, schwärmte er auf einer der zahlreichen Nebenpartys: "Es ist wunderbar, zwischen Millionen friedlicher, optimistischer, junger Menschen zu sein." Viel besser als "dieses gewaltbereite Potential in Kreuzberg". Und Claudia Nolte, die Jugendministerin, die gerade die Schule verließ, als DJ Westbam seine ersten Platten im "Metropol" auflegte, meldete sich staatstragend aus Bonn: "Wenn über Jugendliche in den Medien berichtet wird, geht es oft um Krawalle oder Kriminalität. Um so mehr freut es mich, daß die Love Parade die Öffentlichkeit eines Besseren belehrt."

Und was sagt Helmut Kohl?

Zum Glück schweigt er. Schon jetzt fühlt sich so mancher geneigt, im Techno eine moderne Spielart der Nationalhymne und in der Techno-Gemeinde den verlängerten Arm der Jungen Union zu sehen. Muß man nicht, so fragt der Kritiker und kramt die "Dialektik der Aufklärung" hervor, eine Jugendbewegung konservativ, wenigstens affirmativ nennen, die keine Kritik an den Verhältnissen äußert, die den Status quo tanzend zementiert und die lustvoll ihre eigene Kommerzialisierung vorantreibt?

Andererseits: Wie Klaus-Rüdiger Landowski oder Claudia Nolte sehen diese Raver nun auch wieder nicht aus. Mit ihren bunten Haaren und den durchlöcherten Bauchnäbeln. Und dann diese "Musik"!

Bum-bum-bum! Die Bässe hämmern durch die Luft und verwandeln den Platz am Großen Stern in eine pulsierende Halle. Die Decke, das ist der Himmel, der unter dem Donnern einstürzen würde, wäre er nicht abgestützt von Berlins schönster Säule. Bum-bum-bum, man darf das schreiben. Auch DJ Westbam, so etwas wie der Spiritus rector des Techno, drückt sich so aus: Das "Glücksbringende" seiner Musik, "die Heilsbotschaft sozusagen, die läuft über dieses Bum-bum-bum-Ding".

Techno, erklärt die britische Financial Times ihren Lesern am Tag der Love Parade, sei "eines der raren Pop-Genres, mit dem deutsche Künstler international reüssieren konnten - vielleicht weil es ohne Worte auskommt".

Anerkennend bemerkt die Wirtschaftszeitung, was hierzulande eher gar nicht oder mit Befremden registriert wird: "Techno und die Love Parade stehen als Beispiel für den Triumph privater Initiative über öffentliche Kultursubvention."

In den Beats, die Berlin um die Welt schickt, schwingt die frohe Kunde mit, daß ein bißchen Bill Gates auch hierzulande möglich ist. Aus den schummrigen Techno-Werkstätten in Berlins Hinterhöfen wuchsen Unternehmen mit Millionenumsatz: Die Veranstalter der Love Parade können sich inzwischen ihre Sponsoren aussuchen, und die Stars der Techno-Szene fliegen in der Busineß-Klasse um den Globus.

Und jetzt, jetzt sind die Stars hier, an der Siegessäule. Umsonst. Und legen ihre Platten für eine Million Menschen auf. Man kann das unheimlich finden, wie da oben, auf einer Hängebühne unter dem Goldenen Engel, ein Mensch sitzt und mit seinen Fingerspitzen eine Masse in Bewegung setzt. Ein kleiner Scratch, und die Menge brüllt. Andererseits: Wenn's schön ist?

In dem Buch "Mix, Cuts & Scratches", mit dem der Dramatiker Rainald Goetz seinem Freund Westbam ein Szene-Denkmal setzen will, ist zu lesen: "Die höchste Stufe" habe ein Discjockey erreicht, "wenn der Widerspruch zwischen dem DJ und den Leuten fällt, wenn sich die Frage nicht mehr stellt, wer erfüllt jetzt wessen Willen, sondern wenn diese Frage aufgehört hat zu existieren". Spricht da ein Musik-Diktator, ein Kim-Il-Song? Oder spricht da ein moderner Bertolt Brecht, der den emanzipatorischen Traum von der "Radiotheorie", der Verschmelzung von Hörern und Sprecher, in die Jetztzeit übersetzt? Jedenfalls wirkt dieser Abend an der Siegessäule viel schwereloser als zum Beispiel das Feuerwerk, das am 3. Oktober 1990 die Straße runter, am Brandenburger Tor, gezündet wurde.

Techno und Politik, ein rasendes Begriffspaar. Die Love Parade gilt ja offiziell als politische Demonstration, was weder der Veranstalter noch der Berliner Senat ernsthaft glauben, was aber beiden Vorteile beschert: Die Planetcom-GmbH spart administratives Ungemach, und die Stadt sichert sich einen dreistelligen Millionenbetrag für ihr Sozialprodukt - von der Werbung für die Welt zu schweigen.

Ist die raving society also in Wirklichkeit gar keine Musik- oder gar Jugendbewegung, sondern die erste Standort-Deutschland-Bewegung? Eine ästhetische Nachwuchsrevolte zur Förderung des Wachstums im Inland und des deutschen Ansehens im Ausland? Den Ravern ist das vermutlich egal. Soll man sie nennen, wie man will. Außer Musik und Lust am Feiern verbindet sie wenig.

Vermutlich ist die Techno-Szene die heterogenste "Jugendbewegung" der vergangenen Jahre. Es gibt keinen Kleidungskodex, keine gemeinsame Sprache, schon gar keine Gesinnungsschnüffelei. Worauf sollten sich Bankangestellte und Metzgergesellen, promovierende Physiker, arbeitslose Friseure und wer da sonst noch nach Berlin gekommen ist, auch verständigen, außer auf guten oder schlechten Beat? Wer raven will, gehört dazu. Die Techno-Szene ist überparteilich. Ist sie deshalb auch unpolitisch?

Vielleicht wäre sie es gerne. Wenn der Erfinder der Love Parade, DJ Dr.

Motte, versucht, das Ereignis zu überhöhen, wird es skurril: "Wir wollen uns alle liebhaben", predigt er von seiner Siegessäulen-Kanzel, "auch die, die wir nicht liebhaben." Wer eine schöne Zukunft herbeisehne, müsse die Sonne in sein Herz scheinen lassen. Die Jünger kichern und schieben ihre T-Shirts über die Brustwarzen. Let the sun shine in your heart.

DJ Westbam reflektiert den Überbau, "dieses Love-Peace-and-Unity-Ding" als eine "Erfindung" der englischen Musikpresse: "Die brauchten irgendeinen Inhalt für ihre Stories. Daß da Leute rumtanzen, will ja keiner lesen." Nur weil man so viel "dazuerfunden" habe, sei die Musik zu einer Jugendbewegung geworden.

Also nix mit Politik? Warum aber stürzen sich dann die Politiker, die Journalisten und Jugendsoziologen mit heißem Herzen auf ganz normale Partygäste? Manche, wie der Feuilletonist Gustav Seibt, fühlen sich durch die schiere Masse provoziert: Er nennt die Love Parade eine "Gleichschaltung von Hunderttausenden auf niedrigem Niveau", eine "Feier der Triebnatur", die "mit der kollektiven Zerstörungswut spielt". Andere wiederum stoßen sich am puren Hedonismus der Tänzer und finden es einfach degoutant, daß eine so inhaltsarme Musikbewegung in die Fußstapfen ehrenwerter Jugendrebellionen treten soll.

Es stimmt ja, die Raver sagen nichts - aber sie sagen etwas aus: Sie markieren das Ende der Gegenkulturen, der Gegenentwürfe, der Gegenöffentlichkeit. Sie sind wir, oder wie wir werden. Mit der Love Parade halten sie der Republik den Spiegel vor: Wenn sie reinschaut, stellt sie fest, daß sie sich verändert hat. Oder sich verändern wird.

Mit verzücktem Lächeln zerstampft der Raver alte Schablonen. Er spielt mit den Gegensätzen, statt sie anzuprangern. Weil der ethische Rigorismus früherer (Jugend-)Revolten nicht viel brachte, übt er jetzt den ästhetischen, flüchtet vom Inhalt in die Form. Alte Widersprüche lösen sich im - undefinierten - Traum einer ravenden Gesellschaft auf.

Die Techno-Generation zählt zu den Verlierern der technischen Revolution und läßt sich von Computermusik verzaubern. Sie will anders aussehen, "cooler" leben, und erkennt an ihren DJs, daß diese Gesellschaft für alle und alles eine Nische bereithält - wenn man sie findet. Warum soll sie gegen die Staatsgewalt sein, wenn sich die "Bullen" als Freunde und Helfer entpuppen, die zusammengebrochene Tänzer aus der Menge fischen und ansonsten mit bunten Wasserpistolen zurückschießen?

Warum sollen sie für eine Linke oder eine Rechte streiten, wo doch Klaus-Rüdiger Landowski gut drauf ist und auch der DGB einen Techno-Laster sponsert?

Vom Sattelschlepper des Berliner Ensembles baumelte ein Spruchband herunter: "Spaß haben, die Welt verändern, und dabei Geld verdienen". Ein Credo Bertolt Brechts. Die Welt hat sich seither stark verändert.