Der unaufhaltsame Niedergang der Versteckte-Kamera-Shows

Ein Spaß, den keiner mehr versteht von Richard David Precht

Irgendwann, beim Durchblättern der Personalakten, muß den Verantwortlichen der ARD-Samstagabendunterhaltung der Name eines Moderators begegnet sein, der tatsächlich noch keine Versteckte-Kamera-Show moderiert hat. Kaum ein Unterhaltungskünstler, der nicht bereits mit den beliebten Aufnahmen aus dem Hinterhalt hervorgetreten ist, umgeben von ach so überraschter Prominenz. Was haben sie alle ihre Freude gehabt. Chris Howland mit seiner legendären Isetta, deren Tank, ganz im Zeichen des Wirtschaftswunders, unbegrenzte Mengen Benzin fassen konnte, der artige Kurt Felix mit seiner unvermeidlichen Paola, der sich über jeden gelungenen Streich so aufrichtig freute, als sei der ganze Samstagabend sein persönlicher Kindergeburtstag. Und schließlich Frank Elstner, Mike Krüger, Harald Schmidt, Fritz Egner, Dieter Hallervorden, Thommy Ohrner und was der Spaßvögel mehr sind. Das waren aber auch nette Überraschungen, als der überquellende Softeis-Automat von Felix ein endlos sprudelnder Pommes-frites-Automat bei Hallervorden war - wie haben wir gelacht über so viel unbekümmerten Humor.

Seit letzter Woche steht nun fest, was lange währte und gewiß am Ende lustig wird. Originell, wie öffentlich-rechtliches Fernsehen nun einmal ist, fiel die Wahl für die Fortsetzung dieser abwechslungsreichen Späße in der ARD auf Michael Schanze. Da der frohsinnige Moderator nebenbei nur zwei andere ARD-Shows moderiert und damit offensichtlich nicht ausgelastet ist, brilliert Schanze in Zukunft nicht nur mit "Wunderland" und "Kinderquatsch mit Michael" im Fernsehen, sondern zudem auch noch mit "Verstehen Sie Spaß?".

Anzeige

Schanze mag sich darüber freuen, daß er nach seinen Ausflügen ins undankbare Nachmittagsprogramm in die inzwischen nicht minder undankbare ARD-Abendunterhaltung zurückgefunden hat. Doch die Hypothek auf den Schultern des kleinen Mannes wiegt schwer. Im Zeitalter unbegrenzter Televisionen bleibt halt bekanntlich nichts, wie es war. Die alte Weisheit, daß, wenn nichts mehr geht, nur noch Versteckte-Kamera-Shows gehen, gilt schon lange nicht mehr. So etwa verlegte das ZDF seine "Versteckte Kamera" vor zwei Jahren vom Samstagabend auf den Dienstag. Doch auch auf dem neuen Sendetermin sind die Quoten so rückläufig, daß man von September an wieder auf den Samstag zurückspringt. Vor wenigen Monaten erst zog ein sichtlich genervter Frank Elstner beim RTL-Spaß "April, April" die Kasperlemütze ab: "Irgendwann ist so ein Thema einfach ausgereizt."

Doch der Niedergang der versteckten Spiele und Streiche - nirgendwo war er so schön zu verfolgen wie bei "Verstehen Sie Spaß?". Ganze siebzehn Jahre währt der dienstälteste ARD-Klamauk bis heute, und noch nie war die Situation der Schadenfreunde so schlecht. Was in den Zeiten von Kurt Felix bis zu 22 Millionen Zuschauer vor den Bildschirm lockte, erreichte zuletzt nur noch knapp 6 Millionen; für das Flaggschiff der Samstagabendunterhaltung auch eingedenk privater Konkurrenz einfach zuwenig. Statt die biederen Scherze des Moderators Felix gegen alle Anfechtungen der Zeit fürs Seniorenpublikum zu bewahren, hatte man sich in vorauseilendem Anpassungswahn um eine zeitgemäßere Sendung bemüht und Schiffbruch erlitten. Gerade mal vier Jahre benötigte Felix-Nachfolger Harald Schmidt, den Gemeinsinn stiftenden Volksspaß bis 1995 durch den gezielten Einsatz der Variante "Streit suchen mit versteckter Kamera", um zehn Millionen Sehbeteiligte zu senken; ein großangelegter Feldversuch, die Grenzen des bundesdeutschen Spaßverständnisses auszuloten, von kultursoziologischem Wert und sichtbar durchschlagendem Erfolg. Bedauerlich nur, daß fast niemand den Spaß verstand, da die notwendige Anleitung zum Lachen in den Programmzeitschriften fehlte.

Als Schmidt das Samstagabendtheater für Dieter Hallervorden freigab, war der Zuschauerraum leer gefegt, die Fernsehnation aufgelöst, der Spaß vorbei. Sieben Folgen lang versuchte sich Hallervorden, im Ernst wahrscheinlich einer der letzten großen deutschen Charakterdarsteller, im Spaß eine tragische Figur, mit dem denkbar absurdesten Konzept an Schmidts schäbigem Nachlaß. Daß sich der Meister des gedehnten Endkonsonanten nicht entblödelte, den Meisenkaiser-Humor der siebziger Jahre über den zweiten Bildungsweg erneut ans Publikum zu bringen, verziehen ihm selbst diejenigen nicht, die seine historische Bedeutung für die Entwicklung des deutschen Fernsehhumors durchaus zu würdigen wissen.

In der Geschichte der Fernsehshow gibt es kein freiwilliges Zurück. Wo sich der Zuschauer bei jedem Didi-Sketch eine versteckte Kamera herbeiwünscht, verrät das Genre seine Spielregeln. Jede Fernsehunterhaltung ist nur so lange neu, bis das Publikum den einstmals überraschenden Spaß als Teil der eigenen Lebenswelt akzeptiert. In einer Zeit schier unbegrenzter Zumutbarkeiten ist deshalb weder mit Tortenschlachtklamauk noch mit überquellenden Eis-Automaten etwas zu machen. Als Harald Schmidt in "Verstehen Sie Spaß?" in der Verkleidung eines Grenzbeam- ten ein durchfahrendes Auto in die Luft sprengte, konnte er sich des Beifalls gefällig nickender Passanten sicher sein. Und daß die Grenze dessen, was dem deutschen Volk realistisch vorgesetzt werden kann, noch lange nicht erreicht ist, bewies jüngst eindrucksvoll die "Monitor"-Satire über die vorgebliche Einführung einer Urlaubssteuer. Tausende Bundesbürger trauten sie dem Staat tatsächlich zu; eine indirekte Akzeptanz, über die sich der Finanzminister durchaus hätte freuen können, statt kurzsichtig gegen die Urheber der Idee zu wettern.

Service