Im Prinzip ohne Hoffnung
Die "zweite Moderne" als Formel: Wie Soziologen alte Fragen neu drapieren
Alle hören die Botschaft, und alle hören sie gern. Naturtrübe Geister spüren ein Frühlingserwachen; Sozialdemokraten haben schlaflose Tage, und selbst konservative Denker schieben ihre Geschichtsfibeln ins historische Abseits. Sie atmen auf, denn endlich haben Soziologen das Paßwort für die neue Weltunordnung gefunden. Es heißt kurz und schlicht "zweite Moderne", und einmal hat es auch schon geholfen. Tony Blairs Sieg trägt die Handschrift des neuen Denkens; buchstabiert hat es sein Ratgeber, der berühmte Londoner Soziologe Anthony Giddens. Dessen deutsches Alter ego ist der ermüdungsfrei publizierende Soziologe Ulrich Beck aus München. Und der Frankfurter Suhrkamp Verlag macht aus der halben Hoffnung eine ganze Buchreihe, extrabreit und extrabunt. Heimliches Motto: Alle reden vom Wetter. Wir reden von der zweiten Moderne.
Neu ist das Neue nicht. Schon beim ersten Frühstück begegnet der Zeitungsleser der zweiten Moderne: Etwas geht zu Ende, und die Zukunft liegt noch im Nebel. Zu Ende ist die erste Moderne, das Zeitalter der Verheißungen und die Epoche des Sozialstaates. Unter den Steinen der Berliner Mauer liegt eine Weltordnung begraben, in der Nationalstaaten souverän und ihre Volkswirtschaften noch artig zu Hause waren. Damals bildete die Politik noch das Zentrum des Staates und die Familie das Herz der Gesellschaft. Berufskarrieren wurden sicherer, Tage länger und Autos größer, und es war, als könne der historische Kompromiß von Geld, Macht und Recht gelingen. Die Sterne standen richtig, die Wege der Menschen schienen vorbestimmt.
Heute, nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung, zieht - so der von Heinrich Klotz Anfang der neunziger Jahre geprägte Begriff - die zweite Moderne herauf. Mit stummer Gewalt verknotet der expandierende Westen seine Ökonomie und seine Lebensstile zur alternativlosen Weltgesellschaft. Mit gespenstischer Geschwindigkeit geistert das Finanzkapital über den Erdball, hinterläßt in den reichen Staaten entbehrliche Menschen und entzieht den Nationen die Grundlagen ihrer Macht. Am Ende stürzt der soziale Staat vom Thron seiner Souveränität und schrumpft zum schmächtigen local hero. Die zweite Moderne: das ist eine ruhelose Übergangsgesellschaft, ein Wechselbad aus Zerstörung und Innovation, aus Anfängen ohne Ende.
Aber nicht nur im Großen und Ganzen, auch im Kleinen und Privaten geht nichts mehr den alten und sicheren Gang. Von einer sozialmoralischen Krise zu reden ist nicht mehr das Vorrecht von Konservativen. Ein Sturm der Individualisierung hat vertraute Lebenswelten zerstört; die Biographien der Menschen zerbröckeln in traurige Episoden und farbidentische Einzelheiten. Machtlose Politik und Herrschaft des Geldes, zerbrochene Traditionen und ökologischer Selbstmord: das sind die kümmerlichen Wahrzeichen einer Weltgesellschaft am Ende eines kurzen Jahrhunderts.
So ist es. Ist es so? An der Einschätzung dieser Lage scheiden sich die Geister. Die schwermütigen Kritiker der Moderne sprechen von einem Menetekel aus Niedergang, Abschied und Verlust. Alles ist düster und die Geschichte am Ende. Spenglers Visionen ziehen auf; Horrorbilder vom Verfall der Städte und vom Bürgerkrieg in den Ruinen des Sozialstaats. Es wird kommen, wie es kommen muß. Ganz anders dagegen die gutgelaunten Programmplaner der zweiten Moderne. Sie sind wahre Aufmunterungskünstler, nennen sich "utopische Realisten" und lassen keine Gelegenheit aus, um gegen das Lamento vom Untergang der Werte zu Felde zu ziehen. Wo andere ein Debakel beklagen, sehen sie "Möglichkeiten"; wo Antimodernisten Auflösung wittern, entdecken sie neue Bindungen. Denn weil Traditionen nicht einfach "naturgegeben" sind, müssen die "Kinder der Freiheit" ständig ihre Wertorientierungen aushandeln, erproben oder wieder verwerfen - für eine Moral aus freien Stücken. Deshalb lautet Ulrich Becks bekannte "Formel eins": Der "säkulare Wandel der Moderne erzeugt die Voraussetzungen zu seiner Bewältigung gleich mit". Endlich, so triumphiert er, können die Menschen jenen Sinn erfinden, den sie ihrem Leben schon immer hatten geben wollen. Alle Menschen sind frei. Sie haben keine Wahl - nur die, zu wählen.
So pausbäckig, wie es klingt, so ist es auch. Dennoch darf man den Soziologen für einige Klarstellungen dankbar sein. Immerhin kämpfen sie mit offenem Visier gegen einen postmodern aufgeweichten Zeitgeist, der auf seines Gedanken Glätte aus den achtziger Jahren in die Gegenwart gerutscht ist. Diese gemütliche Gesinnung hat den Geist entpolitisiert und eine Eiswüste der Gleichgültigkeit hinterlassen. Allerdings, ungemütlich wird es auch für kurz denkende Langzeitlinke. Sie müssen sich vorhalten lassen, noch immer einem Basisirrtum aufzusitzen. Die alte Linke, sagt Giddens, verwechselte Befreiung von autoritären Traditionen mit dem "guten Leben". Das war der große Fehler einer großen Bewegung. Denn nicht die Freiheit von etwas, sondern die Freiheit zu etwas stehe heute auf der Tagesordnung. Und deshalb kann Giddens mit eindrucksvollem moralischem Konservatismus und radikal, als sei sie vergessen, noch einmal die Frage aller Fragen stellen: "Wie wollen wir leben?" Welche Lebensweise wollen wir wählen unter den Bedingungen einer ausgebeuteten Natur und einer erschöpften Gesellschaft?
Giddens' Kritik der leeren Emanzipation ist hilfreich. Aber sonst? Daß Traditionen nicht naturwüchsig auf der Welt gedeihen und weitergegeben werden, daß sie "reflexiv" sind, schreibt Jürgen Habermas seit Jahrzehnten. Manches liest sich wie ein therapeutischer Ratgeber gegen den Moralverzehr bei Schwabinger Yuppies und den Kindern ihrer Freiheit. Und kommt bei Beck und Co. die Rede auf Ungleichheit und Ungerechtigkeit, auf den Skandal von Armut und Arbeitslosigkeit, ist der Blick von Optimismus getrübt. Oft preisen sie als Freiheit, was bloß Freisetzung ist. Kommt es zum Schwur, appellieren sie an den einzelnen und die Selbstbindung der Gesellschaft. Liebe Kinder, nutzt eure Freiheit. Wenn das schon Utopie ist - was ist dann Realismus?
- Datum 18.07.1997 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1997
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