Im Prinzip ohne HoffnungSeite 2/2
"Zweite Moderne": Die Hinweise sind wichtig und deren Geist sympathisch. Doch mit überhöhter Geschwindigkeit entlassen ihre Fürsprecher staatliche Agenturen aus der gesellschaftlichen Verantwortung. Hartnäckig vertrauen die Theoretiker auf "Subpolitik", auf den Konsens im Vorgarten, das Engagement kleiner Gruppen und die Vernunft nichtstaatlicher Organisationen. Greenpeace als Lebensform. Aber welche politischen Instanzen sollen dem Markt Grenzen ziehen, bevor er den Sozialstaat in seine Bestandteile zerlegt? Was bedeutet Politik in den Zeiten des hysterischen Kapitalismus? Was passiert mit der Demokratie, wenn unter den Mühlsteinen der Globalisierung die Verteilungsgerechtigkeit ruiniert wird - ohne europäische Mindestlöhne, Dumpingverbot und Sozialstandards? Ohne supranationalen Beistand werden die nationalen Gesellschaften jedenfalls sehr einsam sein.
Beck und Giddens haben das Publikum noch einmal mit der schlichten Wahrheit konfrontiert, daß nicht Systeme handeln, sondern Menschen. Das ist kein geringes Verdienst. Doch noch mangelt es ihnen an institutioneller Phantasie, denn auch ein utopischer Realist müßte schon Auskunft geben über die Rechtsformen, die Gerechtigkeit und die Gesetze der Solidarität. Denn um Gerechtigkeit geht es in jener Frage, auf die schon die erste Moderne nur eine konjunkturabhängige Antwort wußte: "Wie wollen wir leben?"
- Datum 18.07.1997 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1997
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