Eine tollkühne Vagabundin der Lüfte

Fliegen als Waffe gegen die Diskriminierung der Frauen

Die Luft über dem kleinen tropischen Flugplatz schien trotz der frühen Stunde bereits vor Hitze zu vibrieren. Von dichtem Regenwald gesäumt, war der knapp vierhundert Meter lange Landestreifen lediglich eine grobe, unbetonierte Piste, die abrupt auf einer Klippe über dem Meer endete und doch in all ihrer Primitivität davon kündete, daß das Zeitalter der Luftfahrt auch in Lae, Neuguinea, eingezogen war. Nur eine Handvoll Menschen hatte sich an diesem Morgen des 2. Juli 1937 auf dem Aerodrom eingefunden, um der Besatzung der silbrig in der Sonne funkelnden Lockheed Electra zuzuwinken: einer schlanken, großgewachsenen Frau und einem dunkelhaarigen Mann.

Kurz vor zehn Uhr bestiegen die Pilotin, deren Gesicht von den Strapazen der zurückliegenden Wochen gezeichnet war, und der Navigator die Maschine und warfen die beiden Motoren an. Schwerfällig hob die Electra ab und entschwand in nordöstlicher Richtung den Blicken, in den blauen Himmel über der endlosen Wasserwüste des Südpazifiks hinein.

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Auf der anderen Seite der Erdkugel, in den Vereinigten Staaten, bereiteten sich die Menschen auf den höchsten Feiertag ihres Landes vor. Dieser Vierte Juli sollte einen ganz besonderen Höhepunkt erleben. Amelia Earhart würde wieder eine jener fliegerischen Glanztaten vollbringen, die sie zu einer der bekanntesten Frauen der USA gemacht hatten. Genau an diesem Tage sollte sie wieder auf amerikanischem Boden landen, nachdem sie als erster Pilot die Erde an ihrem "Bauch", entlang des Äquators, umrundet hatte.

Doch der Unabhängigkeitstag ging vorüber, ohne daß Amelia Earharts Flugzeug mit quietschenden Reifen auf einem Flugplatz in Hawaii oder Kalifornien aufsetzte. Der Frau im Cockpit gehörten die Schlagzeilen der nächsten Tage und Wochen, doch nicht in Triumph, sondern in Tragödie. Die Pilotin und ihr Navigator Fred Noonan wurden nie wieder gesehen. Irgendwo über der blauen, trügerisch ruhigen Unendlichkeit eines Ozeans, dessen Monotonie nur selten durch ein Atoll unterbrochen wird, endete deren Leben.

Am selben Tag wurde ein Mythos geboren, der die Menschen noch heute in seinen Bann schlägt. Die Frage, was mit Amelia Earhart geschah, gibt in den USA sechzig Jahre nach ihrem Verschwinden und hundert Jahre nach ihrer Geburt immer noch Stoff für Artikel, Bücher, Filme her. Doch das Mysterium ihres Endes darf nicht ein faszinierendes Leben überdecken, dessen Antriebskraft das Streiten für die Rechte der Frauen, das Engagement für den Frieden und vor allem die Erfüllung des alten Menschheitstraumes waren: der scheinbar grenzenlosen Freiheit des Fliegens.

Wer einen Dartspfeil auf die Karte der USA wirft, um die Mitte des riesigen Landes zu treffen, kommt seinem Ziel ziemlich nahe, wenn das Geschoß auf Atchison/Kansas steckenbleibt. Der kleine Ort ist eine typische Pionierstadt, in der am 24. Juli 1897 dem Advokaten Edwin Earhart und seiner Frau Amy eine Tochter geboren wurde. Das auf den Namen Amelia Mary getaufte Mädchen verbrachte einen großen Teil seiner Kindheit in dem geräumigen Haus der Großeltern in Atchisons North Terrace Street, das, auf einer Anhöhe über dem Missouri River prächtig gelegen, heute als Museum die Wallfahrtsstätte für Amelia-Earhart-Fans aus aller Welt ist.

Amelia wuchs hier wohlbehütet heran, zeigte neben ihrem Lernhunger auch eine Schwäche für halsbrecherische Spiele. Eines Winters raste sie mit ihrem Schlitten zum Entsetzen der Zuschauer unter einer die Straße entlangfahrenden Pferdekutsche hindurch. Sie wollte all das tun, was die Boys machten und dies, wenn möglich, besser.

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