Lob des Kompromisses

Merkblatt für Streitende, aufzuhängen in Fraktionsbüros, Parteizentralen und anderswo

Die deutsche Sprache bestimmt den Begriff des Kompromisses nicht eindeutig positiv. Der Auffassung des Soziologen Georg Simmel, der Kompromiß sei eine der größten Erfindungen der Menschheit, steht die oft geäußerte Meinung gegenüber, der Kompromiß sei ein Verzicht, ja sogar ein Verrat er bedeute ein Abweichen von dem als richtig Erkannten Kompromisse schließen zu müssen sei ein Zeichen von Schwäche und Nachgiebigkeit. Wer von der unbedingten Richtigkeit seiner Position überzeugt ist, wird im Kompromiß ein Nachgeben sehen, das er sich eigentlich nicht gestatten darf.

Im deutschen Obrigkeitsstaat der Wilhelminischen Zeit hatte die Idee des Kompromisses keinen hohen Wert. Unter der Herrschaft des Nationalsozialismus und auch des SED-Regimes war sie erst recht verpönt. Erst die Wiederherstellung der Demokratie nach 1945 hat zu einer positiveren Bewertung des Kompromisses als eines notwendigen Mittels der politischen und sozialen Konfliktregelung geführt.

Anzeige

Doch noch immer haften dem Begriff des Kompromisses in Deutschland gewisse negative Beimischungen an, die verhindert haben, daß man ihn mit jener Selbstverständlichkeit als gut bewertet, wie dies in den angelsächsischen Demokratien üblich ist.

Der ambivalente Charakter des Kompromiß-Verständnisses liegt freilich auch in der Sache selbst begründet. Klären wir darum zunächst, was unter Kompromiß zu verstehen ist:

"Den (gelegentlich auch: das) Kompromiß nennt man das Ergebnis von Verhandlungen zwischen zwei oder mehreren Parteien, in denen die Verhandlungspartner größere oder kleinere Teile ihrer ursprünglichen Forderungen und Ansprüche aufgeben, um zu einer gemeinsamen Lösung zu gelangen.

Da Politik im Kern nichts anderes ist als die Austragung und Regelung von Interessen- und Machtkonflikten, stellt der Kompromiß das probate Mittel dar, solche Konflikte wenigstens vorübergehend zu lösen. Wo Kompromisse nicht erreicht werden können, bleibt die Konflikt- bzw. Kampfsituation weiter bestehen.

Ein Kompromiß ist nicht von vornherein das mechanische Ergebnis der friedlichen Vereinbarung zwischen mehreren Machtgruppen mit ihren jeweils zuzurechnenden Machtanteilen. Es kann derartige Kompromisse geben, etwa zwischen den Tarifpartnern, die sich bei Lohnerhöhungen oft auf das arithmetische Mittel zwischen Gewerkschaftsforderung und Unternehmerangebot einigen, aber gerade die auch hier bestehende Notwendigkeit von Verhandlungen macht offenbar, daß bei jedem bargaining immer ein gewisser Spielraum für den Kompromiß besteht.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service