Lech Banach hat sich seinen weißen Arztkittel übergezogen und beginnt mit der Operation. Im Computernetz des Umtata General Hospital ist ein Wackelkontakt zu beheben. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht: Was der Arzt da macht, kann durchaus Leben retten. Banach ist ein Pionier der Telemedizin. Das Krankenhaus, in dem er arbeitet, ist das einzige größere öffentliche für die rund fünf Millionen Einwohner der Transkei, und nur über seinen Schreibtisch hat es schnellen Zugang zum medizinischen Wissen der Welt.

Umtata liegt abseits aller Autobahnen, nicht nur der für Daten. Eine Straße voller Schlaglöcher führt in die ehemalige Hauptstadt der Transkei, und die müssen sich Autos mit Rindern und Ziegen teilen. 1976 war die Transkei vom Apartheid-Staat als Homeland für die südafrikanische Xhosa-Bevölkerung in die formelle Unabhängigkeit entlassen worden; zu den ersten freien Wahlen 1994 wurde sie wieder in das neue Südafrika eingegliedert. Aber für wohlhabende Südafrikaner liegt Umtata noch immer weit jenseits ihrer Welt.

Auf Lech Banachs Schreibtisch in der pathologischen Abteilung steht ein Mikroskop, das über eine hochauflösende Videokamera an einen PC angeschlossen ist. Gewebsproben, die er unter die Vergrößerungslinse schiebt, werden abgescannt und landen nach 5 bis 20 Minuten per E-Mail zur Begutachtung im Armed Forces Institute of Pathology in Washington, USA. "Spätestens 24 Stunden später habe ich die genaue Diagnose hier auf dem Tisch", sagt Banach. "So konnten wir zum Beispiel eine Patientin mit einer sehr seltenen Form der Meningoenzephalitis richtig behandeln." Gebühren nimmt das amerikanische Militärinstitut nicht für seine telemedizinischen Dienste. "Die haben großes Interesse daran, über die Kooperation mit uns seltene Fälle von Krankheiten zu sehen, die es in den USA nicht gibt", sagt Banach. "Und sie vervollständigen damit ihre gewaltige Datensammlung der geographischen Pathologie."

Der polnische Arzt ist über Zwischenstationen in Sambia und Papua-Neuguinea nach Umtata gekommen. In der Transkei wurden seine polnischen Zeugnisse akzeptiert, Südafrika hätte ihn damals noch abgewiesen. Auch sein Chef und ein weiterer Kollege stammen aus Polen, und im Nachbarzimmer arbeitet ein Arzt aus Kuba. "Die Erfahrungen in Papua waren gut für meinen Anfang hier", erinnert sich Banach, "dort mußten wir alle Außenkontakte mit normalen Briefen abwickeln - es gab noch nicht mal Luftpost. Da haben wir manchmal wochenlang gesessen und Däumchen gedreht." So etwas sollte ihm in Umtata nicht wieder passieren. Da kam dem rührigen Arzt vor zwei Jahren die Einladung zu einem Kongreß in Florida über die blitzschnellen Möglichkeiten der Telemedizin gerade recht.

Die Flugkosten mußte er noch aus eigener Tasche zahlen; sein Arbeitgeber, die Universität der Transkei, hatte dafür keine Mittel. Doch inzwischen ist aus den damals geknüpften Kontakten ein reger Austausch mit Fachkollegen in den USA, in Deutschland und anderen Ländern des südlichen Afrika entstanden. Und Banachs Erfahrungen haben ihn zu einem gerngeladenen Gast auf internationalen Konferenzen gemacht, auch in Deutschland. Zum Beispiel möchte die Universität in Heidelberg für ihr Welt-Krebsregister von ihm aktuelle Daten über die ungewöhnlich hohe Rate an Speiseröhrenkrebs in der Transkei haben. Sie bekommt sie per E-Mail.

Telemedizin funktioniert nicht nur über Ozeane hinweg. Lech Banach ist inzwischen auch mit zehn Krankenhäusern und neun Gesundheitsstationen in entlegenen Dörfern der Transkei elektronisch verbunden. Das Computernetz hat "Health-Link" zur Verfügung gestellt, ein Projekt, das mit dem Geld einer US-amerikanischen Stiftung inzwischen 600 medizinische Einrichtungen in Südafrika, Swasiland, Sambia und Tansania verknüpft.

In der Transkei wird das Netz bislang vor allem für schnelle Verabredungen genutzt, für die Anmeldung von Patienten zur Weiterbehandlung im Zentralkrankenhaus von Umtata und für den Vertrieb medizinischer Online-Fachzeitschriften. Doch sobald die nötige Technik in den Außenstellen installiert ist, sollen auch die Landkliniken davon profitieren, in denen es meist gar keinen Arzt oder zumindest keinen Facharzt gibt. Sie können dann zum Beispiel Röntgenaufnahmen elektronisch zur Begutachtung durch einen Spezialisten nach Umtata übermitteln. Der schickt seinen elektronischen Rat zurück an die behandelnde Krankenschwester oder den Allgemeinmediziner im Dorf. "Patienten können dann sofort und vor Ort behandelt werden", hofft Banach. Bislang muß die Landbevölkerung schon für eine einfache Röntgenuntersuchung stundenlange Fahrten über Schotterpisten auf sich nehmen.