Die Invasion der Bilder oder: Niemand stellt Fragen, das Digitalfernsehen antwortetSeite 4/4

Noch immer verzichtet die Fernsehkritik gern darauf, die Summe vorgeblich verblödeter Zuschauer und vom Fernsehen verursachter Massaker gegen die soziale Befriedung der westlichen Arbeitslosigkeitsdemokratien aufzurechnen. Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik hat es so viele Erwerbslose gegeben - und noch nie war der Widerstand gegen das politische Selbstverständnis des Staates so gering. Arbeitslose, Rentner, Frührentner und Sozialhilfeempfänger, so beweist die Medienforschung, sind die mit gebührendem Abstand größte Fernsehklientel. Wie blind muß man als Medienkritiker eigentlich sein, das Wechselverhältnis von Fernsehkonsum und politischem Frieden zu übersehen?

Das einzig Eigentümliche an dieser Entwicklung ist, daß sich niemand offiziell zu ihr bekennt. Leo Kirch und CLT-Ufa eine solche Befriedungsstrategie zu unterstellen heißt, ihr Verantwortungsgefühl und ihre politische Weitsicht zu überschätzen. Doch auch ihre politischen Lobbyisten, von Bangemann bis Möllemann, leiden unter einem erschreckenden Mangel an sozialen Visionen. Daß, wie Neil Postman gezeigt hat, sich heute Menschen "zum ersten Mal in der Geschichte daran gewöhnen, statt der Welt ausschließlich Bilder von ihr ernst zu nehmen", ist eine glänzende Analyse. Doch wo finden sich die politischen Streiter der Fernsehzukunft, die endlich Postmans kurzsichtige Schlußfolgerung, dies alles taste "das gesellschaftliche Fundament der Demokratie an", entschieden widerlegen? Wer täglich mehrere Stunden fernsieht, wird vielleicht nicht gerade schlauer, aber doch alles in allem zufriedener. Der erwerbslose Fernsehfreund nämlich weiß, daß es vielen anderen noch dreckiger geht und daß sich daran auch in Zukunft nichts ändern wird.

Hunger, Krieg und soziale Ungerechtigkeit - die ganz alten Fragen der ganz neuen Zeit werden nicht gelöst, sondern weggezappt. Beim Reality TV, einen Knopf weit entfernt von "Bayern München gegen Boca Juniors Buenos Aires", dem "Glücksrad" oder "Jeder gegen Jeden", löst sich der Krampf des Ernstes. Und während Rentnerinnen sich in die sanften Hände des Frauenarztes Sascha Hehn sehnen, junge Mädchen hoch gestelzt von Verbotener Liebe träumen, Kinder mit den Turtle Heroes spielen und arbeitslose Männer als durchtrainierte Ninja-Cops im Kampf gegen Nazis und Klingonen endlich einer gesellschaftlich wichtigen Beschäftigung nachgehen können, vermischen sich Realität und Fiktion zu lähmender Süße.

So fieberten Millionen zufriedener Zuschauer an deutschen Bildschirmen bei den packenden Finalkämpfen im Europacup. Während Dortmund und Schalke sich zum Pokaltriumph rackerten, schauten sie gebannt auf die Übertragung. Alle? Alle bis auf eine Million. Die nämlich verfolgte lieber die Übertragung der Übertragung im Parkstadion und im Westfalenstadion, live und lebensecht im WDR-Fernsehen.

Irgendwie erschien es ihnen so realer.

 
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