BERLIN. - Er hatte nicht nur seine Nachrufe vorformuliert und die Schlüsselzitate vorbereitet. Selbst die Beerdigung war noch eine Lebensäußerung, letztes Zeugnis seiner Tatkraft. Die ordnende Hand des großen JK war spürbar: die Zeremonie war einfach, unsentimental, unmetaphysisch. Die Trauergäste waren gebeten, mit Blumengaben bescheiden zu sein und ihre Spende kubanischen Kindern zu widmen. Schon in seinem Buch "Dialog mit meinem Urenkel" hatte er seine geliebte Frau Marguerite gebeten, auf die Teilnahme an seiner Beerdigung zu verzichten. Aus gesundheitlichen Gründen blieb sie auch, wie es hieß, dem Dorotheenstädtischen Friedhof fern. Doch das lakonische Ritual unterstrich eher, daß mehr im Spiel war. Hier ging, leise und nachdrücklich, eine Epoche zu Ende, eine Epoche, deren letzte Figuration die DDR war. Wer von den Hinterbliebenen kann noch prätendieren, sein Leben der Logik der Geschichte zu widmen, seine Tätigkeit ihrem innewohnden Telos unterzuordnen? Sein Sohn Thomas, der Wirtschaftswissenschaftler und Erbe seines Amtes als Institutsdirektor, nun auch ein Mann biblischen Alters, zitierte, was Jürgen Kuczynski selbst ganz unironisch gesagt hatte: "Wer wie ich 3000 Jahre menschlicher Geschichte ERLEBT hat ..." In deutlicher Distanz sprach er von "seinem manchmal exzessiven Optimismus". Und sein Sohn Peter setzte hinzu: "Seine Welt ist nun endgültig vorbei." JKs Glaube an die Wende nach der Wende, seine Überzeugung, daß das Ende der DDR ein Anfang sei, wurde in der Mitte Berlins auch zu Grabe getragen.

Über der Trauergemeinde lag eine buchstäblich trostlose Verlassenheit. Nicht mehr als 150 Menschen waren gekommen. Weggefährten, Vertreter der DDR-Akademie der Wissenschaften, Pensionierte, Abgewickelte. Der Politökonom Dieter Klein, der Historiker Ernst Engelberg. Die Parteiprominenz der PDS begleitete ihr Mitglied des "Rats der Alten" auf dem letzten Weg: Gregor Gysi, Hans Modrow, Lothar Bisky, Uwe-Jens Heuer. Aber auch das hatte etwas Familiäres. Jürgen Kuczynski blieb bis zum Schluß unter seinesgleichen. Für einen Moment schien der Friedhof in einer anderen Zeit zu liegen, weit entfernt von der umgewühlten und vom Baulärm geschlagenen Gleichzeitigkeit Berlins.

Es war noch einmal ein DDR-Begräbnis, doch ohne jenen Staatsakt, der JK bei einem früheren Tod gedroht hätte. Die Trauergemeinde jener "Republik der kleinen Leute" traf sich.

Der Dorotheenstädtische Friedhof ist nicht nur die Grabstätte der Berliner Gelehrten und Künstler. Es finden sich dort nicht nur die Steine von Hegel und Brecht, sondern auch vom Erfinder des Berliner Ringofens und vom Hofbaurat. Die Elite des Berliner Bürgertums ruht hier. Nunmehr ist er auch die Schädelstätte der "DDR-Intelligenz". Jürgen Kuczynskis Ruhestätte liegt zwischen den Gräbern des Graphikers Herbert Sandberg und des Schriftstellers Heiner Müller, an den eine schlichte Eisenstele mit seinem Namenszug erinnert.

Die Zeremonie war eine Familienangelegenheit. Die beiden gebrechlichen Schwestern waren gekommen, Reni Simpson aus Großbritannien, die Schrifstellerin Ruth Werner, seine drei Kinder Peter, Thomas und Madeleine und die beiden Urenkel, die sich beinahe schüchtern in den Hintergrund schoben. Sie müssen mit den vielen Fragen und Antworten leben, die JK in seinen beiden "Dialogen" veröffentlicht hat. Die Familie hat es nicht zugelassen, daß metaphorisch Fahnen geschwenkt oder die Zukunft beschworen wurde. Es redeten die beiden Söhne, nüchtern, aufrichtig sie feierten nicht die historische Figur, sondern wandten sich dem Vater zu. "Einfach war er wahrlich nicht", gestand Peter K., der Literaturwissenschaftler. Er beschrieb ein Familienleben, das sich um die Heiligkeit des Arbeitsplatzes, um den Schreibtisch drehte. Das Leben mit der Bibliothek, in der die Kinder alsbald Teile zu übernehmen und zu katalogisieren hatten. Das Schicksal des "alten Gelehrten", der in den letzten Jahren nicht mehr die oberen Buchreihen erreichen konnte. Die legendären Familienessen am Sonntag mit der guten Küche der Mutter und dem ausgiebigen politischen Streit danach. Allein, die "Mahlzeiten wurden kürzer und kärglicher" "was er an Kraft noch besaß, konzentrierte er rücksichtslos auf seine Arbeit."

Die Arbeit! Auch sein Sohn Thomas ließ anklingen, welcher Druck auf der Familie lastete durch die unerschöpfliche Produktivität JKs. Wenn im Sinne von Marx die Arbeit das eigentliche menschliche Bedürfnis sei, so habe JK "schon im Kommunismus gelebt", erklärte Thomas. Er würdigte den Vater durch kritische Distanz. Seine Empfänglichkeit für DDR-Ehrungen gehöre zu seiner sprichwörtlichen Eitelkeit. Sein Schaffen von unterschiedlicher Qualität? Er berief sich auf ein Zitat von Roda Roda, das JK immer anführte. Der habe bei einem ähnlichen Vorwurf auf Gott und seine mißlungenen Schöpfungen verwiesen: "Aber was hat Gott für einen Namen!" Zur politischen Biographie nur zurückhaltende Sätze: Zweifel an der Beraterrolle für Erich Honecker der "berühmteste deutsche Urgroßvater" sei jedoch ein "Vorkämpfer der DDR-Perestroika" gewesen. Er endete mit dem Hinweis, daß die Familie nach der Grablegung sofort aufbrechen werde, um zur Mutter, der "geliebten Marguerite", zurückzukehren. Die Trauergemeinde verlief sich schnell.

Das alles war anrührend und voller Würde. Was fehlte, trifft uns, die Zeitgenossen. Ein Zeuge der Berliner Geschichte, eine Jahrhundertfigur wird zu Grabe getragen, aber kein Vertreter der Stadt, der Hochschulen, des vereinten Deutschland nahm es zur Kenntnis oder sandte Kränze. Die offizielle Seite der Gegenwart hat auf beschämende Weise, ja geradezu bewußtlos eingestanden, daß die deutsche Geschichte und die Stadt Berlin immer noch geteilt sind. Das Begräbnis, ein öffentliches Ereignis, wurde von der Berliner Öffentlichkeit mißachtet.