Als wollten sie der Tragödie des tibetischen Volkes eine geschmacklose Pointe aufsetzen, haben die Chinesen mitten in Lhasa, in Sichtweite des Potala, zwei überdimensionierte vergoldete Yakskulpturen aufstellen lassen, die den Besuchern als Symbol einer angeblich tausendjährigen chinesisch-tibetischen Freundschaft präsentiert werden. Die Vorstellung einer einheitlichen chinesisch-tibetischen Geschichte gehört zur unverrückbaren Überzeugung chinesischer Politiker, bis in Dissidentenkreise hinein. Aber handelt es sich bei China und Tibet nicht vielmehr um zwei vollkommen unterschiedliche Kulturen, die derzeit nichts anderes verbindet als der Unterdrückungsapparat eines kommunistischen Regimes? Erst ein Blick zurück auf die verschiedenen Etappen und Schauplätze der asiatischen Geschichte vermag die besondere Rolle Tibets im Schnittpunkt indischer, mittelasiatischer und chinesischer Einflüsse zu bestimmen.

I. Schon seit Jahrtausenden war das südtibetische Hochland im Umkreis des Yarlung-Tsangpo-Flusses von Nomaden besiedelt, doch erst im siebten nachchristlichen Jahrhundert, als die Chinesen bereits auf eine tausendjährige und datierbare Geschichte zurückblicken konnten, wurde die Mehrheit der tibetischen Stämme seßhaft und durch König Songtsen Gampo, die erste historisch faßbare Gestalt der tibetischen Geschichte, vereinigt.

Songtsen Gampo, der 620 bis 649 regierte und hundert Kilometer nördlich des Yarlungtales die neue Hauptstadt Lhasa gründete, schuf nicht nur die erste Staatsverwaltung und ein funktionsfähiges Verkehrsnetz auf dem Dach der Welt, sondern auch eine Militärmonarchie, deren Eroberungszüge sich bis nach Turkestan, Sichuan und Nepal erstreckten.

Der plötzliche Auftritt Tibets auf der politischen Bühne Asiens öffnete das Land zugleich den zivilisatorischen Impulsen aus dem indischen und chinesischen Kulturraum, und mit den Bräuten, welche die Herrscher der umliegenden Länder dem tibetischen Großkönig nach Lhasa schickten, kam auch der Buddhismus ins Land. Aus Nepal erreichte die buddhistische Prinzessin Bhrikuti den Königshof, und selbst der chinesische Kaiser Taizong entsandte seine widerstrebende Tochter Wencheng als Pfand eines Friedensvertrages zwischen zwei gleichberechtigten Mächten in den kargen Westen.

Jede der beiden Prinzessinnen brachte nicht nur einen anderen Buddhismus ins Land, sondern sie gründeten in Lhasa unterschiedliche Tempel: Bhrikuti den Jokhang-Tempel, den heiligsten Tempel Tibets, und Wencheng den Ramoche-Tempel. Die Hochzeitsgabe des chinesischen Kaisers für Wencheng, der Jobo Sakyamuni, heute die heiligste Reliquie ganz Tibets, fand schließlich ihren Platz ausgerechnet in dem von der nepalesischen Prinzessin Bhrikuti gegründeten Jokhang-Tempel. Doch wie unterschiedlich auch immer die indische und die chinesische Variante des Buddhismus damals gewesen sein mögen, als Religion des Volkes dominierte weiterhin die alttibetische Bön-Religion, eine animistische Lehre, deren ursprüngliche Gestalt heute wegen späterer buddhistischer Überformung kaum noch zu rekonstruieren ist.

Trotzdem blieben die politischen Beziehungen zwischen Tibet und China nach dem Tode Songtsen Gampos gespannt. Unter ihrem König Trisong Detsen (755 bis 797), unter dessen Herrschaft das Hochlandimperium seine größte Ausdehnung erreichte, eroberten die Tibeter im Jahre 763 sogar für fünfzehn Tage die chinesische Hauptstadt Xian, Startpunkt der transkontinentalen Seidenstraße und damals die größte Stadt der Erde. Erst im Jahre 821, als sowohl die Tang-Dynastie wie das großtibetische Reich ihren Zenit überschritten hatten, wurde ein dauerhafter Friedensvertrag geschlossen. Unmittelbar vor dem Eingang zum Jokhang-Tempel von Lhasa ist noch heute, wie ein ironischer Kommentar zur Gegenwart, auf einer Stele in einer Abschrift dieses Friedensvertrages zu lesen, "daß Tibet und China in ihren eigenen Grenzen bleiben und keine willkürlichen Kriege, Invasionen oder Gebietsabtrennungen vornehmen sollen".

Innenpolitisch versuchten die frühtibetischen Könige, ihre Position gegenüber dem alten, beim Bön-Glauben verbliebenen Adel durch die Einführung des Buddhismus zu stärken. Nicht zuletzt deswegen berief König Trisong Detsen etwa in der Mitte des 8. Jahrhunderts den großen indischen Magier Padmasambhava als Missionar ins Land und unterstützte die Gründung des ersten buddhistischen Klosters von Samye am Ufer des Tsangpo.